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Wie Frauenhäuser Im Saarland durch die Corona-Krise kommen wollen

Kostenpflichtiger Inhalt: Häusliche Gewalt in Krisenzeiten : Corona verschärft die Lage der Frauenhäuser

Experten warnen vor einer Welle häuslicher Gewalt in der Coronakrise.Vor allem gegen Frauen. Doch die Frauenhäuser im Saarland sind jetzt schon fast voll.

Das ewige Aufeinanderhängen wegen der Ausgangsbeschränkungen – weil die Firma zu hat, weil die Schulen geschlossen sind. Die Belastung für viele Familien ist in der Corona-Krise sehr groß. „So sinnvoll die Verfügungen der Regierung zur Eindämmung des Virus sind, es wird vermehrt zu häuslicher Gewalt kommen“, sagte Professorin Tanja Michael kürzlich unserer Zeitung. Sie ist psychologische Psychotherapeutin an der Universität des Saarlandes. Sie mahnt, dass diese Problematik in der aktuellen Diskussion unbedingt mitgedacht werden soll. Und: Dass wir alle dafür sensibel sein sollten. Denn: „Da rollt ein massives Problem auf uns zu. Und das sicher nicht nur in Problemfamilien.“

Nun hat auch das saarländische Sozialministerium erklärt, dass die aktuelle Situation „alle herausfordert. Frauen aber in besonderem Maße“, teilt ein Sprecher mit: Keine Kinderbetreuung, keine Schule, der Aufruf, in den eigenen vier Wänden zu bleiben oder Angst um die finanzielle Existenz seien nur einige der Faktoren, die Gewalt vor allem gegen Frauen auslösen. Das zeigen auch Statistiken. Und: „Es ist zu empfehlen, dass auch Nachbarn besonders wachsam sind und im Zweifelsfall die Polizei rufen“, fordert das Ministerium zur Zivilcourage auf.

Frauen, die sich selbst aus diesen Situationen befreien, fliehen zum Beispiel Richtung Frauenhaus. Nun kann es sein, dass sie keinen Platz dort finden. Bereits vor Corona war das schwer. Trotz der so genannten Istanbul-Konvention, die der Europarat 2011 beschloss. Seit Februar 2018 ist sie geltendes Recht in Deutschland. Demnach soll es pro 10 000 Einwohner einen sogenannten „Family Place“ geben. Für Deutschland heißt das, es müsste 21 400 Betten in Frauenhäusern geben. Tatsächlich gibt es nur 6800. Es fehlen 14 600 Plätze für Frauen in Not – und fast immer für ihre Kinder, die massiv unter Gewalt in Familien leiden. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sprach Ende 2019 von „weißen Flecken auf der Landkarte“. Jede dritte Frau sei in ihrem Leben von Gewalt betroffen. „Es gibt also immer wieder Notsituationen. Wir müssen dafür sorgen, dass es mehr Plätze in Frauenhäusern gibt“, betonte die SPD-Politikerin – vor Corona. Flankiert waren ihre Aussagen von 120 Millionen Euro, die der Bund in den kommenden vier Jahren in den Ausbau der deutschen Frauenhäuser investieren will.

„Wir hatten schon gute Gespräche mit dem Ministerium, was wir mit den zusätzlichen Mitteln machen wollen und können“, sagt Birgit Luhmann, Direktorin der Leitungskräfte im sozialpädagogischen Netzwerk der Arbeiter Wohlfahrt (Awo) im Saarland. Die Awo ist Trägerin der drei Frauenhäuser im Saarland. Eines steht in Neunkirchen, eines in Saarlouis (je zwölf Plätze) und eines in Saarbrücken (31 Plätze). „Mehr Qualität und mehr Quantität“, seien das Ziel der saarländischen Frauenhäuser. Ein Ziel, das noch nicht erreicht sei, erklärt Luhmann. So seien „derzeit in Saarbrücken noch zwei Plätze frei“, sagt Luhmann. Alle anderen sind belegt. Dabei sei die durch die Corona-Krise zu erwartende Welle häuslicher Gewalt „in unseren Frauenhäusern noch nicht angekommen“, sagt die Psycholgin, „gleichwohl gehen wir davon aus, dass sie auf uns zukommen wird“. Die Plätze sind oft mit Frauen mit Migrationshintergrund belegt. Deutsche Frauen würden eher ins Hotel, zur Freundin oder zu Verwandten fliehen, erklärt Luhmann. Diese Zufluchtsorte fehlen Migranten oft.

Dass nahezu alle 350 deutschen Frauenhäuser auf Kante genäht sind, hat Heike Herold die Tage in einem Interview mit tagesschau.de deutlich herausgestellt. Die Geschäftsführerin der deutschen Frauenhauskoordinierung warnt: „Die Plätze sind schon ohne die Corona-Krise knapp. Sollte es bestätigte Infektionsfälle oder Verdachtsfälle bei den Bewohnerinnen oder den Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern geben, droht ein Aufnahmestopp“, sagt sie. „Hier sind insbesondere die Kommunen und Bundesländer gefragt.“ Es brauche nun „schnelle und kreative Lösungen, etwa um alternative Schutzunterkünfte und eine entsprechende Beratung der Frauen zu sichern oder polizeiliche Maßnahmen zum Schutz der Frauen in ihren Wohnungen zu ergreifen. Schutz von Frauen und ihren Kindern vor Gewalt darf auch in Zeiten der Corona-Krise nicht hinten runter fallen“.

Dass die 55 Plätze in der Corona-Krise im Saarland nicht reichen werden, scheint auf der Hand zu liegen. Da werde es schwer, einen Mittelweg zwischen Hygiene, Viruseindämmung und sozialer Verantwortung zu finden, erklärt Luhmann und fordert: „Es darf nicht zum Kollaps des Hilfesystems kommen.“ Dazu sei die Awo im Saarland bereits mit den Behörden in Kontakt, wie Luhmann bestätigt. „Wir sind im ständigen und engem Austausch mit dem Ministerium“, sagt sie. Über Ergebnisse kann sie noch nicht berichten. Auch das Ministerium sei sich dieser Situation bewusst. „Die saarländischen Schutzeinrichtungen arbeiten derzeit nach Maßgabe ihrer jeweiligen Pandemiepläne in enger Abstimmung mit dem Sozialministerium“, erklärt der Sprecher. Und: „Ob zusätzliche Notunterkünfte zur Verfügung gestellt werden müssten, wird derzeit intensiv beraten.“