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Wie der Boedecker-Kreis in der Corona-Krise arbeitet

Interview : Lese-Inseln mitten im Corona-Sturm

Der Bödecker-Kreis vermittelt auch in Pandemie-Zeiten Lesungen an Schulen, und sein Vorsitzender freut sich, dass die gefragt sind.

Die Kultur ist die große Verliererin in der Corona-Krise. Alles ist verboten, es gibt keine Konzerte, kein Theater, nicht mal Museen sind geöffnet. Aber tatsächlich gibt es einen Freiraum, ein paar Orte, an denen doch noch Kultur stattfinden kann: Schulen und Kindergärten etwa. Ein Verein, der sich dort seit vielen Jahren um die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen kümmert, ist der Friedrich Bödecker-Kreis. Und das kann er tatsächlich trotz  Corona noch tun. Man sei bisher weniger beschädigt durch die Krise gekommen als befürchtet, erzählt der Vorsitzende Jürgen Eckert im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Schulen sind durch Corona im Ausnahme-Zustand. Das hat doch sicher auch Auswirkungen auf die Arbeit des Friedrich Bödecker-Kreises. Können Sie überhaupt noch Lesungen in Schulen anbieten? Buchen die Schulen, die derzeit ja schon mit dem normalen Unterrichts-Alltag an ihre Grenzen stoßen, noch solche  zusätzlichen Veranstaltungen?

Jürgen Eckert: Ja, natürlich hat das auch auf unsere Arbeit Auswirkungen. Im Frühjahr mussten wir wegen des Lockdowns einige Lesereisen komplett absagen, die Schule waren ja geschlossen. Wir haben die betroffenen Autorinnen und Autoren aber gleich nochmal für unser neues Programm 2021/22 eingeladen.

Und wie läuft es jetzt, im Lockdown light?

Jürgen Eckert: Nach den Sommerferien bis Oktober sind unsere Lesungen zunächst vor allem mit saarländischen Autorinnen und Autoren und eine Lesereise gut gelaufen, die Schulen hatten direkt nach Erhalt unseres Programmheftes im Juni wieder ganz hoffnungsfroh und verstärkt gebucht, nahezu alle Lesereisen waren komplett ausgebucht, auch die im kommenden Jahr. Da sieht man, dass ein großes Interesse an unseren Angeboten besteht, dass die Schulen ihren Schülerinnen und Schülern etwas Besonderes  bieten wollen.

Aber es blieb nicht dabei?

Jürgen Eckert: Im November waren zum Beispiel vier Lesereisen geplant, dann kam aber der Teil-Lockdown, eine Autorin, die aus Österreich angereist wäre, mochte wegen der Unsicherheit die Quarantänemaßnahmen betreffend lieber nicht anreisen. Noch eine weitere Lesereise mussten wir absagen, haben aber in einigen Fällen digitale Angebote machen können.

Aber Sie dürfen auch Vor-Ort-Lesungen machen?

Jürgen Eckert: Lesungen dürfen  weiterhin stattfinden, Bedingung ist allerdings, dass die Autorinnen und Autoren mit Maske lesen und die Veranstaltung mit der Schulaufsicht abgesprochen ist. Das Interesse an solchen Lesungen ist trotz der widrigen Bedingungen nach wie vor groß, und obwohl die Schulen schon mit der Umsetzung der Hygienekonzepte viel zu organisieren haben, tun sie ihr Möglichstes, um ihren Schülern tatsächlich noch Lesungen bieten zu können. Auch weil sie ein effektives Mittel der Leseförderung sind und im Schulalltag Glanzpunkte schaffen, darauf möchte man nur ungern verzichten.

Wie erleben Ihre Autorinnen und Autoren diese Zeit? Was bekommen Sie da für Rückmeldungen?

Jürgen Eckert: Gerade war Manfred Theisen erfolgreich für uns auf Lesereise, und natürlich hat er mit Maske, Abstand und vor kleinen Gruppen gelesen. Er hat ein positives Fazit gezogen, alles hat gut funktioniert, ist bestens angekommen. Die Maske empfindet er offenbar nicht als große Beeinträchtigung, und da er sich auch demgemäß verhält, wirken seine Lesungen trotzdem.

Für Ihre Autorinnen und Autoren sind die regelmäßigen Lesungen ja auch eine wichtige Einnahmequelle . . .

Jürgen Eckert: Die Autorinnen und Autoren sind froh, wenn trotz Corona überhaupt noch Lesungen stattfinden können, der Jahresanfang ist ja für viele schon finanziell nicht gut gelaufen und hat auch Existenzängste geschürt. Das ist ein wichtiger Punkt, da sollte man nicht drüber hinwegsehen. Aber ebenso wichtig ist, dass viele den Kontakt zu ihrem jungen Publikum wirklich brauchen und genießen und sich unter den momentanen Umständen zu Hause weggeschlossen fühlen, wenn keine Veranstaltungen mit Zuhörern stattfinden können. Das desillusioniert und deprimiert, was für dieses kreative, künstlerische Genre nicht eben förderlich ist.

Aber mit Maske lesen, stelle ich mir schwierig vor.

Jürgen Eckert: Dass Lesungen mit Maske nochmal eine weitere Herausforderung sind, ist ganz klar. Aber einige nehmen diese willig an. Wie etwa Bodo Marschall, der uns mitgeteilt hat, dass seine Lesungen in Fürstenhausen super liefen, trotz Maske. Und auch Ibou liest mit Maske.

A propos Ibou: Ein schöner Erfolg war ja sicher für Sie, dass „unser“ Ibou, der in Saarbrücken lebende Autor und Erzähler Ibrahima Ndiaye, mit dem bundesweiten Bödecker-Preis ausgezeichnet wurde. Was bedeutet das für Sie?

Jürgen Eckert: Wir freuen uns wirklich sehr mit Ibou, der seit langem wahrlich ein guter Lese-Botschafter für uns ist und eine Lesung nach der andere bestreitet, Gratulation! Viele Kinder werden ihn in unvergesslicher Erinnerung haben. Seine spritzigen und witzigen Veranstaltungen sind schon lange stark nachgefragt, er liest jeden Monat mehrfach für uns. Gerade hat ihn eine Schule in Klarenthal für diesen Dezember acht mal gebucht, damit auch alle Kinder der Klassenstufe eins in den Genuss seiner animierenden Lesungen kommen. Was will man mehr?

Ein weiterer Bödecker-Autor, wenn auch nicht aus dem Saarland, hat in diesem Jahr einen schönen Erfolg „eingefahren“: Will Gmehling ist seit Jahren in saarländischen Schulen unterwegs. Sein Kinderbuch „Freibad. Ein ganzer Sommer unter dem Himmel“ wurde jetzt  mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Machen sich solche Preise auch bei der Nachfrage bemerkbar? Buchen Schulen gerne Preisträger oder vielleicht doch lieber die Autorinnen und Autoren, die sie schon kennen?

Jürgen Eckert: Auch Will Gmehling geht schon lange Jahre für uns auf Lesereise, und wir freuen uns immer sehr, wenn er hier im Saarland ist. Und er kann beides, Kinder und Jugendliche mit seinen lebendigen Lesungen, bei denen auch mal geturnt werden darf, richtig faszinieren und bestes Lesefutter schreiben. Bei ihm ist es wie bei Ibou, die Schulen kennen ihn, und wenn er im Programmheft steht, ist er quasi schon ausgebucht. Aber natürlich erhöhen Preise wie der Deutsche Jugendliteraturpreis die Aufmerksamkeit und können schon Anlass sein einen Autor, den man eventuell noch nicht kennt, zu buchen. Damit ist auch ja Anerkennung und Qualität verbunden.

Leidet eigentlich auch die Finanzierung des Bödecker-Kreises unter den Corona-Maßnahmen? In wieweit sind Sie darauf angewiesen, dass viele Lesungen gebucht werden von den Schulen?

Jürgen Eckert: Nun, wenn wir unser Programm auf die Beine stellen, ist es ja nicht nur das Ziel, dass die Lesereisen auch alle gebucht werden, sondern wir wollen vor allem einen nachhaltigen Beitrag zur Leseförderung und Entwicklung der Lesekompetenz bei den Kindern und Jugendlichen leisten. Je mehr Buchungen wir haben, desto mehr Schülerinnen und Schüler erreichen wir, die auf diese Weise erfahren, dass lebende Menschen hinter dem jeweiligen Buch stecken.

Aber finanziell ist Ihre Arbeit nicht getroffen durch Corona?

Jürgen Eckert ist Vorsitzender des Bödecker-Kreises Saar. Foto: eckert

Jürgen Eckert: Wir mussten bisher wider unsere eigenen Erwartungen nur wenige Lesungen wirklich komplett stornieren, auch weil wir möglichst online-Angebote in individueller Abstimmung mit der jeweiligen Schule entwickeln. Als gemeinnützig anerkannter Verein sind wir aber auch nicht gewinnorientiert. Wir finanzieren uns durch Spenden und primär durch die Unterstützung des Ministeriums für Bildung und Kultur. Selbst bei rückläufigen Spenden gelingt es uns derzeit gut, durch diese Krise zu navigieren.