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Verbraucherzentrale
Wenn das Smartphone zur Falle wird

Mobilfunkverträge beschäftigen die Verbraucherzentrale oft. Eine Expertin hat Ansprechpartner bei den Anbietern.  Das macht es oft leichter, Vereinbarungen aus der Welt zu schaffen, wenn der Kunde im Nachhinein eben nicht zufrieden ist oder sich gar über den Tisch gezogen fühlt.
Mobilfunkverträge beschäftigen die Verbraucherzentrale oft. Eine Expertin hat Ansprechpartner bei den Anbietern.  Das macht es oft leichter, Vereinbarungen aus der Welt zu schaffen, wenn der Kunde im Nachhinein eben nicht zufrieden ist oder sich gar über den Tisch gezogen fühlt. FOTO: dpa / Hauke-Christian Dittrich
Saarbrücken. Verbraucherzentrale paukt Kunden aus dubiosen Verträgen – und zeigt Menschen, die vor dem Ruin stehen, Wege aus den Schulden. Von Frank Kohler

Fragen zum Handyvertrag, der mir nun doch überteuert vorkommt? Muss ich wirklich rund 1000 Euro für eine Rohrreinigung zahlen, obwohl die „Experten“ ihren Job nicht beherrschen? War das neulich die richtige Geldanlage, oder setze ich damit mein Vermögen in den Sand? Und wie komme ich von meinem Schuldenberg runter? In all diesen Fällen gibt es Rat bei der Verbraucherzentrale. Er ist gefragt. Das zeigt die Zahl 40 804, die Summe aller Beratungen und Kontakte der Verbraucherzentrale Saar aus dem Jahr 2017.


Die größte der vier saarländischen Geschäftsstellen ist in St. Johann an der Trierer Straße im Haus Nummer 22 zu finden. Dorthin wenden sich Ratsuchende aus dem ganzen Saarland.

Mit den meisten Schicksalen haben es zwei Frauen und zwei Männer in der dritten Etage zu tun. In ihren Arbeitszimmern kommt so ziemlich alles auf den Tisch, was in einem Verbraucherleben schiefgehen kann. Eine Etage höher arbeitet der neue Chef der Verbraucherzentrale, der Jurist Martin Nicolay.

Er fasst zusammen, was die vier ein Stockwerk tiefer leisten. Demnach ist die Fallzahl zwar nicht im Steigflug. Aber dafür sind die Anliegen komplizierter geworden, erst recht, seit sich viele Verbraucher in Internetgeschäften verheddert haben, aus denen sie keinen Ausweg mehr sehen. Als Beispiel nennt Nicolay die Fake-Shops, Schein-Läden im Netz: Sie gaukeln Verbrauchern ein Sortiment vor, nur um sie zu Bestellungen zu verleiten und dann abzuzocken. Denn ihre Ware sollen die Kunden natürlich nie bekommen.

Nicolay weiß, wie hilflos sich viele fühlen, bis ihnen die Berater einen Ausweg zeigen. Schon, weil die Experten – anders als die Hilfesuchenden – bei vielen Firmen die Ansprechpartner kennen und genau wissen, wie mit denen zu reden ist.



Auch den Chef der Verbraucherzentrale Saar empören die Maschen der Geschäftemacher. „Da gibt es unseriöse Anbieter, die behaupten, der Bürger habe einen Routenplaner abonniert. Dafür soll er nun 500 Euro zahlen. Die Firmen fordern den Betrag so schamlos ein, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Das können Sie durchaus mit dem Androhen von Höllenqualen vergleichen. Wie sonst ist die Ankündigung zu verstehen, jemandem die Wohnung auszuräumen, wenn er nicht bezahlt?“ Da bleibt dem Adressaten der Forderung wenigstens der Weg in die Trierer Straße.

Auf Gegenwehr verstehen sich die vier im dritten Stock. Silke Schröder ist die Fachfrau für alles, was mit Telekommunikationsverträgen zu tun hat. Juristin Sabine Strichertz schreitet unter anderem ein, wenn Schlüsseldienste ein Vermögen verlangen und Rohrreiniger weit mehr abrechnen, als sie geleistet haben.

Thomas Beutler kennt als Betriebswirt und ehemaliger Bankmitarbeiter das weite Feld der Bank- und Finanzdienstleistungen. Und er weiß, vor welchen Geldanlagen die Verbraucher sich hüten sollten. Er kann dem Bankkunden über 60 helfen, der eigentlich Geld sicher anlegen und keine Verlustrisiken eingehen wollte. Doch steht das nicht im Beratungsprotokoll, das der Ratsuchende mitgebracht hat. Und das er – obwohl das nicht nötig war – unterschrieben hat.

Am Ende des Flurs sitzt Matthias Watzig. Zu ihm kommen Männer und Frauen, die nichts mehr anlegen können, sondern die Schuldenberge abtragen müssen. Sozialarbeiter Watzig bekommt die Notfälle mit, von denen es gerade im Regionalverband so viele gibt.

„Wir hatten im vergangenen Jahr 3500 persönliche und telefonische Kontakte. Daraus wurden 400 Fälle, die wir dauerhaft bearbeiten.“ Viele der Ratsuchenden sind arbeitslos geworden. „Menschen verlieren den Boden unter den Füßen, wenn die Ausgaben plötzlich viel höher sind als die Einnahmen.“

 Lange Krankheiten und die Folgen einer Scheidung werfen bei anderen Hilfesuchenden alles über den Haufen. „So etwas kann einen schnell treffen“, sagt Schuldnerberater Watzig. Eines sei gerade im Regionalverband ein großes Thema und keineswegs eine Randerscheinung: die Altersarmut. „Da ist immer noch eine große Scham, sich Hilfe zu holen. Oft sind es die Kinder, die ihre Eltern zu uns bringen. Die Beratung ist kostenlos.“ Watzig will jenen Mut machen, die ihre Geldschwierigkeiten am liebsten verheimlichen würden. Das sei der falsche Weg. „Je früher sie mit uns ihre Schwierigkeiten erörtern, desto besser.“ Die Reaktion der Ratsuchenden gebe ihm Recht. Gerade dann, wenn sie Rat gefunden haben. „95 Prozent gehen mit einem Lächeln.“

Kontakt: Die Verbraucherzentrale, Trierer Straße 22, hat Tel. (06 81) 50 08 90. Die Schuldner- und Insolvenzberatung hat Tel. (06 81) 5 40 19.