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Wehenmittel-Skandal erreicht Kliniken im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Medizin : Wehenmittel-Skandal erreicht Saar-Kliniken

Die Frauen sind verängstigt, die Ärzte geraten in Erklärungnot: Alle Saar-Kliniken verabreichen das umstrittene Cytotec-Medikament – und werden das weiter tun. Warum?

Diesen Namen wird sie nie mehr vergessen: Cytotec. Charlotte K. (Name von der Redaktion geändert) hatte eine unbeschwerte Schwangerschaft, ihr Sohn Manuel (13 Monate) ist ein urgesundes Kind. Trotzdem weint sie in den letzten Tagen häufiger, unkontrolliert. Immer dann, wenn sie mit den Nachrichten über das Weheneinleitungs-Medikament Cytotec konfrontiert wird, von Gebärmutter-Rissen und Wehenstürmen liest, von Todesfällen bei den Müttern, Gehirnschädigungen der Neugeborenen. Und dann sind da auch noch die Stellungnahmen aller nur möglichen Gynäkologen- und Hebammen-Verbände, die den Einsatz des Mittels vehement verteidigen. Rational. Doch das verfängt nicht bei Charlotte, sie durchlebt einen Gefühlssturm. Denn ihre Schwangerschaft endete mit einem Notfall-Kaiserschnitt – 30 Minuten, nachdem sie mit ihrer Unterschrift eingewilligt hatte, die Wehen mit Cytotec einzuleiten, einem für die Geburtshilfe nicht zugelassenen Medikament.

Sie schleppt das traumatische Erlebnis mit sich herum, das von Beginn an Grübeleien und Zweifel nährte: War die sinkende Herzfall-Frequenz ihres Kindes nicht womöglich doch Schuld dieser Pille? Jawohl. Das steht nach dem durch einen Bericht von Süddeutscher Zeitung und ARD jüngst verursachten Cytotec-Schlagzeilen-Gewitter für sie fest. Zumal einer Kollegin just dasselbe passierte: Not-OP nach Cytotec-Einnahme. „Alles nur Zufall?“, fragt sie und stellt sich damit in die Reihen der Mütter, die, obwohl samt Kind gesund und munter, jetzt ihre Gynäkologen mit wütenden oder erschütterten Reaktionen konfrontieren: „Was, um Himmels Willen, habt ihr mir da für ein Teufelszeug verabreicht?“ Saarländische Gynäkologen berichten der SZ von einem markanten Anstieg an Beratungsbedarf, von Verängstigung ist die Rede. „Diese Cytotec-Geschichte konterkariert unsere gesamte Fürsorge“, sagt Dr. Jochen Frenzel, der Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte. Und der Saarbrücker Chefarzt Dr. Mustafa Deryal (Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, Caritas Klinikum St. Theresia und Winterberg Klinikum) warnt sogar vor der Entwicklung: „Es ist gefährlich, wenn Schwangere mit großen Ängsten zu uns kommen.“ Auch Anne Wiesen, Vorsitzende des saarländischen Hebammenverbandes, hält die Aufregung für problematisch: „Die Diskussion läuft in die falsche Richtung, ich erlebe sowieso nur noch selten Frauen, die während ihrer Schwangerschaft guter Dinge sind. Man darf Cytotec nicht verteufeln.“

Doch der Zug scheint abgefahren. Der Direktor der Abteilung Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes, Professor Erich-Franz Solomayer, berichtet, die meisten Frauen lehnten derzeit Cytotec pauschal ab: „Es hat keinen Zweck, dagegen zu argumentieren.“ Man böte dann Alternativen an. Und das, obwohl Solomayer und alle von der SZ befragten saarländischen Kollegen Cytotec weiterhin für das beste Wehen einleitende Mittel halten. Wie das? Schließlich rührt die Empörung unter anderem daher, dass Cytotec nur als Magenschutzmittel eine Zulassung hat. Was fahrlässig klingt. Doch der Einsatz von sogenannten Off-Label-Use-Medikamenten ist in der Frauen- und Kinderheilkunde die Regel, hört man. Warum? Zulassungsstudien sind für die Hersteller nicht nur sehr teuer – und im Fall eines so derart kostengünstigen Mittels wie Cytotec unrentabel –, sie schließen außerdem in der Regel Kinder und Schwangere aus. Das betont auch die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Alle Ärzte heben die Vorteile von Cytotec hervor: Die Frauen könnten es als Tablette einnehmen, es müsse nicht, wie alle anderen Wehen einleitenden Medikamente, vaginal gegeben werden. Auch sei es hoch effektiv, es erspare den Frauen das zerrüttende tagelange Warten, das andere Mittel auslösten, die zudem recht unberechenbar wirkten. „Bei längeren Einleitungen erhöht sich die Kaiserschnittrate“, sagt Chefarzt Deryal. Er ist für rund 2700 Geburten jährlich zuständig. Nur zwölf bis 17 Prozent davon würden eingeleitet, so Deryal. Im Bundes-Durchschnitt sind es 23 Prozent. Der Chefarzt berichtet von 24 Notfall-Kaiserschnitten pro Jahr, bei nur sieben habe zuvor eine Weheneinleitung stattgefunden. „Es gibt keine unmittelbare Verbindung zu Cytotec“, sagt Deryal. „Meine persönlichen Erfahrungen erstrecken sich über mehr als 20 Jahre, erfreulicherweise bisher ohne eine einzige mir bekannte Komplikation.“ Ähnlich äußert sich Dr. Johannes Bettscheider, Chefarzt der Gynäkologie am Saarlouiser DRK-Krankenhaus. Die Kaiserschnitt-Rate bei eingeleiteten Geburten beziffert er auf 23 bis 25 Prozent. Diese Quote nennt auch die Homburger Klinik. Dort wurden im letzten Jahr 419 von 1600 Geburten eingeleitet, 100 endeten mit einem Kaiserschnitt, 19 davon waren Notfall-Kaiserschnitte.

Die Saar-Mediziner verweisen auf die Dosierungs-Problematik. Bei dem in die Schlagzeilen geratenen Cytotec handele es sich um Tabletten mit einer Dosierung von 200 Mikrogramm. In Skandinavien oder in Frankreich sei jedoch ein Medikament mit dem gleichen Wirkstoff in einer Dosierung von 25 Mikrogramm durchaus zugelassen. In den Kliniken (Homburg, Saarlouis, Saarbrücken) verwende man grundsätzlich nur Tabletten mit dieser 25er-Dosierung, die Kliniken ließen sie sich in Apotheken in dieser Stärke herstellen. Die befürchteten Nebenwirkungen seien, das sagt unter anderem Chefarzt Deryal, „ausnahmslos dosisabhängig“.

Das Medikamt Cytotec, das Wehen einleitet, steht nach Berichten von Süddeutscher Zeitung und ARD in den Negativ-Schlagzeilen. Foto: picture alliance/dpa Picture-Alliance / Jean-François FREY

Alle befragten Gynäkologen heben hervor, man kläre die Frauen vor der Medikamentengabe über alles auf, Cytotec mit seinem Wirkstoff Misoprostol sei ein gut erforschtes Medikament. Es gebe dazu weltweit achtzig kontrollierte Studien, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehle es. Argumente über Argumente pro Cytotec. Ob sie die Frauen erreichen, die derzeit auf ihre Entbindung warten und womöglich schon über ihren Termin hinaus sind? Fest steht, dass ihnen die Ärzte die Gewissensfrage nicht ersparen, denn sie setzen weiter auf Cytotec.