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Was Menschen mit Behinderungen im Saarland jetzt wissen sollten

Beratungsangebote in Corona-Zeiten : Was Menschen mit Behinderungen jetzt wissen sollten

Noch immer ist es ein Problem für Menschen mit Behinderung, ohne Einschränkungen am öffentlichen Leben teilzunehmen. Oft fehlen ihnen Informationen, wo sie von wem welche Unterstützung bekommen.

Das 2017 in Kraft getretene Bundesteilhabegesetz hat deswegen unter anderem neue Beratungsbüros geschaffen. Sie nennen sich EUTB, was für ergänzende unabhängige Teilhabeberatung steht. Ergänzend, weil auch das Landesamt für Soziales und die Kreissozialämter beraten, und unabhängig, weil die EUTB-Büros selbst keine sozialen Dienste anbieten. „Wir beraten unabhängig davon, was eine Dienstleistung kostet, das ist ein großer Vorteil“, sagt Annette Pauli, die das EUTB-Team unter dem Dachverband der Landesvereinigung Selbsthilfe leitet. Daneben sind auch die Lebenshilfe und der Verein Passgenau Träger weiterer EUTB-Büros im Saarland. Die Beratung richtet sich an alle Menschen mit einer Beeinträchtigung, aber auch an ihre Angehörigen und Betreuer. „Wir ziehen da keine Grenze, wir beraten auch Leute ohne amtlich festgestellte Behinderung.“ Häufig drehen sich die Gespräche darum, wie jemand einen Behindertenausweis bekommt oder wer seine Unterstützung bezahlt. Nach Angaben des Sozialministeriums lebten im Februar 2020 im Saarland 87 496 Menschen mit Beeinträchtigung und 129 210 Menschen mit Schwerbehinderung.

Die Coronakrise fordert natürlich auch bei Menschen mit Beeinträchtigungen ihren Tribut. „Weil die Werkstätten geschlossen haben, fehlt vielen die Tagesstruktur“, sagt Pauli. Dazu würde der gesamte Bereich der Selbsthilfegruppen brachliegen, könnten Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie teilweise nicht mehr stattfinden. Pauli, die selbst Rollstuhlfahrerin ist, kann auf ihre Physiotherapie nicht verzichten. Diese müsse eben unter Beachtung der Hygienevorschriften durchgeführt werden.

Ein weiteres Problem sei, dass Menschen mit starken kognitiven Einschränkungen vermittelt werden muss, dass derzeit kein Körperkontakt zu anderen Menschen möglich ist.

Die Büros sind derzeit auch nicht besetzt, allerdings sind die Mitarbeiterinnen telefonisch und online erreichbar. So auch Jana Herrenschmidt, die die EUTB in Homburg unter der Trägerschaft der Lebenshilfe anbietet. Sie meint, dass viele ambulante Hilfen „weggekracht“ seien durch die Kontaktbeschränkungen. Dass das Tageszentrum für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen schließen musste, sei ein großes Problem. Beratungssuchende stellten jetzt häufig die Frage, welche Freizeitangebote überhaupt noch möglich seien. „In den ersten Coronawochen war es bei uns noch ruhig, aber so langsam kommt’s wieder. Die Leute haben sich an die Thematik gewöhnt“, meint Herrenschmidt, die Soziologie studiert hat.

Viel hat die Beraterin mit psychisch kranken Menschen zu tun. Wenn es hart auf hart kommt, verweise sie auf ein Krisentelefon, das der soziale Dienst „Seelentröpfchen“ speziell zur Coronakrise eingerichtet hat.

Cornelia Morgenstern aus Freisen unterstützt die St. Wendeler EUTB-Mitarbeiterin Anne Kiefer, wenn es um Blindheit oder Sehbehinderungen geht. Vor vier Jahren verlor Morgenstern ihr Augenlicht. „Da steht man am Anfang erstmal hilflos da.“ Nur durch Zufall sei sie auf die EUTB aufmerksam gemacht worden und fühlte sich bei der Beratungsstelle bestens aufgehoben. „Es ging darum, was für Möglichkeiten man bei der Krankenkasse hat, was man beim Landesamt beantragen kann oder wo man Hilfe bekommt, wenn man die Wohnung umbauen muss.“ Weil sie sich von der EUTB so gut unterstützt fühlte, möchte Morgenstern nun etwas zurückgeben, indem sie ehrenamtlich für das Büro arbeitet. „Ich habe mir gesagt, ich möchte nicht, dass jemand in eine Schwerbehinderung reinrutscht, was ja sehr schnell gehen kann, und dann so ‚bescheiden‘ dasteht, wie es bei mir war.“ Vieles sei bei ihr selbst noch nicht optimal, so werde ihr zum Beispiel weder ein Pflegegrad noch ein Blindenhund zugeteilt. Trotzdem möchte sie Schicksalsgenossen Mut machen: „Ich kann ihnen zeigen, wie das Leben weitergeht.“

Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse: www.teilhabeberatung.de