1. Saarland
  2. Saarbrücken

Was ist mit Eltern, deren Kinder wegen Corona unter Quarantäne stehen?

Kostenpflichtiger Inhalt: Geschlossene Schulen in Saarbrücken : Was ist mit Eltern, deren Kinder wegen Corona unter Quarantäne stehen?

Wegen der Corona-Fälle an Schulen stehen im Saarland hunderte Kinder und Jugendliche unter Quarantäne, ihre Eltern aber nicht. Was bedeutet das für die Erwachsenen – dürfen sie zu Hause bleiben?

Es ist eine einfache Rechenaufgabe. Nach den Corona-Fällen am Gymnasium in Sulzbach und an einer Saarbrücker Grundschule stellte das Gesundheitsamt eilig 670 Schüler unter häusliche Quarantäne. Die Durchschnittsfamilie in Deutschland besteht aus vier Personen. Wer diese Zahl mit der anderen multipliziert, kommt auf tausende Betroffene. Gibt es für sie Lösungen?

Anders als ihre Kinder müssen die Eltern nicht zu Hause bleiben – sie sollen es aber, rät die Behörde. Die Erwachsenen stehen vor grundsätzlichen Fragen. Muss ich zur Arbeit gehen, gefährde ich Kollegen oder Kunden? Wie gehe ich als Busfahrer oder Kassiererin im Supermarkt mit der Unsicherheit um? Und was droht mir, wenn ich daheim bleibe, mein Chef aber dagegen ist?

„Für die Kontaktpersonen der Kontaktpersonen von Corona-Patienten ist die Situation so unbefriedigend, wie sie ist“, räumt Lars Weber ein, Sprecher des Regionalverbandes Saarbrücken, der für das dortige Gesundheitsamt zuständig ist. Rechtlich sei es nicht möglich, diese Personen unter Quarantäne zu stellen, wenn auch medizinisch sinnvoll.

Die Schließung der Schule und die angeordnete Quarantäne für Schüler und Mitarbeiter seien absolut richtig, sagt ein Vater, dessen Tochter die Grundschule Rodenhof besucht und nun das Haus nicht verlassen darf. „Was viele betroffene Eltern aber kritisch und problematisch sehen, ist die Tatsache, dass weder Eltern noch Geschwister unter diese häusliche Quarantäne fallen.“ Viele seien von der Entscheidung ihres Arbeitgebers abhängig, wer arbeiten müsse, sei trotz eines Kindes in Quarantäne weiterhin unter Menschen. Die Betreuung übernähmen oft Großeltern, also ältere Menschen, die sich eigentlich besonders vor dem Coronavirus schützen müssten, sagt der Vater.

Angestellte und Selbständige, die selbst unter Quarantäne stehen, erhalten bei einem Verdienstausfall eine Entschädigung. Der Staat ersetzt Arbeitgebern die Zahlungen. Doch wer ein Kind zu Hause hat, das nicht erkrankt ist, profitiert von diesen Regelungen nicht. Betroffene müssen auf Urlaub oder eine Freistellung hoffen, sie können Überstunden abbauen oder im Homeoffice arbeiten.

„Wir setzen darauf, dass die Arbeitgeber kulante Lösungen für ihre Beschäftigten finden“, sagt Julian Lange, der Sprecher von Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD). Der öffentliche Dienst geht mit gutem Beispiel voran. In Sulzbach wechselte Bürgermeister Michael Adam (CDU) freiwillig ins Homeoffice, weil er Kinder auf dem geschlossenen Gymnasium hat, mit Finanz-Staatssekretärin Anja Wagner-Scheid (CDU) erledigt auch ein Regierungsmitglied seine Aufgaben daheim. Sollten Schulen oder Kitas geschlossen werden, will die Landesverwaltung das Homeoffice für Beamte und Angestellte „wohlwollend prüfen“.

Was sagt ein Arbeitsrechtler zur misslichen Lage der Eltern? „Für die Leute ist es schwierig zu entscheiden, bleibe ich zu Hause, bleibe ich nicht zu Hause“, weiß auch Fachanwalt Markus Dönneweg aus St. Ingbert. Ein Anspruch auf Lohnfortzahlung besteht nicht, einfach nicht zum Dienst zu erscheinen, bezeichnet der Jurist als „Gratwanderung zur Arbeitsverweigerung“ – eine fristlose Kündigung droht.

Allerdings sieht Dönneweg auch rechtliche Möglichkeiten für Arbeitnehmer in der jetzigen Notsituation. Der Arbeitsrechtler sagt: „Wenn es für ein Kind bis zwölf Jahre keine Betreuungsmöglichkeit gibt, kann man zunächst zu Hause bleiben.“ Ähnlich äußerte sich sein Kollege Michael Eckert vom Deutsche Anwaltverein über Schulschließungen wegen Corona.

Dönneweg verweist auf den Paragraphen 616 im Bürgerlichen Gesetzbuch, der besagt: Wer für eine überschaubare Zeit ohne eigenes Verschulden verhindert ist, verliert dadurch nicht den Anspruch auf eine Vergütung. Jedoch empfiehlt Dönneweg dringend, die freiwillige Quarantäne mit dem Chef abzuklären, gegenüber dem Arbeitgeber habe man Informationspflichten.