Fragen an Claus Mattheck: Was Baumkontrolle kann und was nicht

Fragen an Claus Mattheck : Was Baumkontrolle kann und was nicht

Nach Saarbrücker Baum-Stürzen: Fragen an Claus Mattheck, der ein Verfahren zum Baum-Check entwickelt hat.

„Visual Tree Assessment“ (VTA) heißt das international angewendete Verfahren zur Untersuchung von Bäumen anhand ihrer äußeren Gestalt, das Claus Mattheck, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), entwickelt hat. Nachdem am 21. Februar am Meerwiesertalweg eine Buche auf einen vorbeifahrenden Kleinwagen stürzte   und am Rosenmontag eine Linde  auf ein geparktes Auto, entbrannte eine politische Debatte – Anlass für uns, mit dem Fachmann zu sprechen.

Herr Mattheck, was genau tun Baumkontrolleure?

Claus Mattheck: Sie schauen sich Bäume daraufhin an, ob man ihnen Defekt-Symptome ansieht. Und sie überprüfen, ob diese Defekte harmlos sind oder ob sie auf Gefahren hinweisen, die vom betreffenden Baum ausgehen.

Claus Mattheck. Foto: Inge Arnold

Wie funktioniert das?

Mattheck: Bäume lieben gleichmäßige Lastverteilung. Wenn in ihrem Wuchs durch widrige Umstände lokal hohe Belastungen entstehen, sei es durch äußere Verletzung, inneres Fäulen oder Risse, dann versuchen sie, das durch Anbauten zu auszugleichen, sie bilden Extraholz. Diese Anbauten sind immer die Folge von Defekten. Und ihre Form lässt Rückschlüsse zu auf die Art des Defekts. Bäume haben eine Körpersprache, die übrigens weltweit dieselbe ist. Die VTA-Methode liefert dazu das Wörterbuch.

Baumkontrolleure lernen also Vokabeln?

Mattheck: Ja. Die Körpersprache des Baums gibt deutliche Hinweise auf sein Wohlergehen. Finden Kontrolleure Zeichen für ein mögliches Versagen des Baums – etwa für Fäule im Inneren –, reicht das reine Anschauen nicht, dann braucht man auch Geräte zur Diagnose. So kann man mit Bohrwiderstandsmessungen feststellen, welche Restwandstärke ein ausgehöhlter Baum hat. Bei 30 Prozent oder weniger wird es kritisch, dann kann der Stamm brechen. Man muss solche Bäume entweder durch einen Kronenschnitt sichern oder sie fällen.

Probleme an Stamm und Ästen kann man ja relativ leicht sehen. Aber wie lässt sich erkennen, ob ein Baum unter der Erdoberfläche intakt ist?

Mattheck: Bruchsicherheit von Bäumen ist die eine Sache, Standsicherheit die andere – bei Letzterer kommen die Wurzeln ins Spiel. Bäume haben je nach Art zwar bestimmte Formen der Wurzelbildung in den Genen, aber wie die Wurzeln konkret aussehen, hängt vom Standort ab. Nehmen wir Kiefern. Sie sind eigentlich Pfahlwurzler. Aber wo es unterm Erdreich Fels gibt, schaffen sie es nicht nach unten. Wo es nass ist, wollen sie nicht in die Tiefe. In beiden Fällen wurzeln sie dann so flach wie Fichten. An Hängen und auf unebenem Gelände werden Baumwurzeln sich auf spezielle, individuelle Art entwickeln, da spielen ganz viele Faktoren hinein. Bei Staunässe sterben Wurzeln teilweise ab. Entscheidend sind die Feinwurzeln, die den Baum im Boden verdübeln. Wenn sie faulen, zerbröseln und dann auch noch viel Regen das Erdreich durchweicht, kann der Baum seinen Halt verlieren und einfach umfallen. Auch wenn die Starkwurzeln noch intakt sind. Und egal, wie der Boden beschaffen ist.

Wenn Standsicherheit ein so vielschichtiges Thema ist: Wie kann man denn Probleme damit diagnostizieren?

Mattheck: Für Fäule an Bäumen, ob nun oberirdisch oder an den Wurzeln, sind immer Pilze verantwortlich. Wobei es zwei Typen von Pilzen gibt: Holz-Erweicher und Holz-Verspröder. Holz-Erweicher in den Wurzeln produzieren Symptome am Stammfuß, die kann man lesen. Holz-Verspröder tun das nicht, da kriegt das Kambium des Baums nicht mit, dass unten in den Wurzeln etwas ganz Schlimmes passiert. Da hilft nur, auf Pilz-Fruchtkörper zu achten – erscheinen die am Stammfuß, bedeutet das Gefahr, man muss in der Regel sofort rigoros schneiden oder fällen.

Saarbrückens Baumkontrolleure arbeiten nach der FLL-Richtlinie (siehe Artikel nebenan). Die gibt vor, dass Bäume in unterschiedlichen Zeitintervallen kontrolliert werden, je nach Alter und Gesundheitszustand. Wie sehen Sie das, wie oft sollten Kontrollen sein?

Mattheck: Ich bin kein beliebig großer Freund der FLL-Richtlinie. In einem Jahr kann einem Baum so viel passieren! Und zwei Jahre sind mir persönlich zu lang. Aber wenn Kommunen nur wenig Geld zur Verfügung haben, sind die Kontroll-Intervalle, die nach der FLL-Richtlinie möglich sind, natürlich eine Chance zum Sparen. Am sichersten ist es jedoch, zwei Mal jährlich zu kontrollieren, im belaubten und im unbelaubten Zustand. Als Minimum würde ich eine Kontrolle pro Jahr ansehen, im Herbst, wenn die Pilze fruktifizieren.

Die Pilz-Saison dauert nur ein paar Wochen. Und Saarbrücken hat gut 85 000 Stadtbäume. . .

Mattheck: Ja, das ist das Problem: Das schaffen die Leute in diesen kurzen Herbstwochen gar nicht. In manchen sehr trockenen Jahren kommen die Fruchtkörper zudem nur spärlich oder gar nicht. 2018 war solch ein Risikojahr. Da kann Baumkontrolle nicht 100-prozentig vorbeugen.

Mal als Fazit: Wie viel Sicherheit lässt sich durch Baumkontrollen erreichen?

Mattheck: Sehr viele Unfälle können Sie schon vorhersehen. Aber manchmal sieht man trotz Sorgfalt keine Symptome, keine Warnsignale – es gibt immer wieder Unfälle, die nicht vorhersehbar sind. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Natur hat sich nun mal entschieden, Bäume nicht unendlich sturmfest zu machen. Eine gewisse Versagensrate ist der Preis für den Leichtbau in der Natur. So ist es beim Menschen ja auch: Wir brechen uns die Knochen, wenn wir sie beim Skifahren überlasten. Wäre das anders, dann hätten wir Schienbeine wie Mammute.