Frauenrechtlerin Angela Braun-Stratmann und SPD-Politiker Max Braun gründen Awo Solidarität und Widerstand: Vor 100 Jahren wurde die Arbeiterwohlfahrt Saarland gegründet

Saarbrücken · Während ihrer Anfänge in den 1920er Jahren positionierte die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Saarland sich klar gegen Hitler – und war ihrer Zeit in Sachen Gleichstellung weit voraus. Nun feiert der Wohlfahrtsverband im Saarland den 100-jährigen Geburtstag. Dass dieser knapp fünf Jahre nach der eigentlichen Gründung im Jahr 1919 ist, hängt eng mit saarländischen Schlüsselereignissen zusammen.

 SPD-Vorsitzender Max Braun mit seiner Frau Angela Braun-Stratmann, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt Saarland.

SPD-Vorsitzender Max Braun mit seiner Frau Angela Braun-Stratmann, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt Saarland.

Foto: Stadtarchiv Saarbrücken, Nachlass Mittelstaedt, unverzeichnet

Die saarländische Arbeiterwohlfahrt (Awo) beginnt mit einem Arbeitskampf. Genauer: einem Ausstand der Bergarbeiter, der als größter Streik des Saargebiets in die Geschichte eingehen wird. „Während der Völkerbund-Verwaltung war der Bergbau unter französischer Kontrolle“, erklärt Roland Märker, der Vorsitzende der Historischen Kommission der Awo Saarland e.V. „1923 protestierten die Arbeiter gegen niedrige Löhne und die Verwaltung.“ Auch durch diesen 100-tägigen Streik entstand die Initiative für die Arbeiterwohlfahrt im Saarland. „Im Deutschen Reich gab es sie bereits seit 1919. Im Saargebiet aber war sie verboten“, erläutert der ehemalige Landesgeschäftsführer der Awo Saarland. „Mit Blick auf die anhaltende soziale Not hob man dieses Verbot auf.“

1924 im Saarland gegründet

Am 13. Februar 1924 wurde die Arbeiterwohlfahrt im Saarland offiziell ins Leben gerufen, knapp fünf Jahre nach der Gründung des Hauptausschusses in Berlin. Diese fand auf Initiative von Marie Juchachz statt: Sie war eine der ersten Frauen in der Nationalversammlung und die allererste Parlamentarierin, die eine Rede hielt.

Auch für die Awo Saarland spielte eine Frau eine entscheidende Rolle. Die Frauenrechtlerin Angela Braun-Stratmann gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem SPD-Politiker Max Braun. Zunächst entstanden Nähstuben und Volksküchen, in denen hauptsächlich Frauen arbeiteten. Der Grundgedanke: „Man wollte den Arbeitern Hilfe zur Selbsthilfe leisten.“ Der Verband hieß zunächst AW und bestand ausschließlich aus Ehrenamtlichen.

Widerstandskämpferin ebenfalls Gründungsmitglied

Mit dem Erstarken des Faschismus wurde das Saargebiet kurz bedeutend für politisch Verfolgte. „Es war bis 1935 eine Art Refugium für Flüchtlinge des Nazi-Regimes“, sagt Roland Märker. Eine wichtige Anlaufstelle: Eine Pension in der Saarbrücker Bahnhofsstraße, die von Awo-Gründerin Marie Juchachz geleitet wurde. Unterstützung bekam sie unter anderem von Antifaschisten wie der Widerstandskämpferin Johanna Kirchner, die ebenfalls Awo-Gründungsmitglied war. „Mit der Volksabstimmung im Jahr 1935 war das alles natürlich vorbei.“

Die Awo Saarland gehörte zu der marginalen Gruppe, die gegen die Rückgliederung ins Deutsche Reich war. „Was genau man wollte – den Status quo oder die Zugehörigkeit zu Frankreich – kann ich nicht genau sagen“, sagt Märker. „Ganz sicher aber wollte die Awo Saarland keinesfalls zu Hitler gehören!“

Nach dem Anschluss emigrierten wichtige Awo-Mitglieder, darunter Marie Juchachz und Angela Braun-Stratmann. Andere – wie Johanna Kirchner – blieben und kämpfen gegen den Faschismus. Johanna Kirchner musste dafür mit dem Leben bezahlen: Sie wurde 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. „Heute erinnert unter anderem ein Stolperstein und eine Stele in der Bahnhofsstraße 95 an sie“, sagt Roland Märker. „Wir von der Awo Saarland gedenken ihr außerdem mit einem nach ihr benannten Seniorenzentrum in Saarbrücken.“

Nach Kriegsende machte die Awo weiter. Einiges änderte sich, darunter auch der Name: Aus AW wird Awo, weil das weicher klingt. Die Awo Saarland schließt sich dem Hauptausschuss an – auch, um bundesweite Fördergelder erhalten zu können. Der Wohlfahrtsverband arbeitet nun auch mit hauptamtlichen Mitarbeitern.

Auffallend mitgliederstark

20 Jahre nach dem wirtschaftlichen Anschluss gibt es 20 000 Aktive in der Awo Saarland. Damit ist sie auffallend mitgliederstark. Gründe hierfür: „Das Verbandswesen war und ist im Saarland sehr ausgeprägt. Vielleicht auch, weil hier alles kleiner und übersichtlicher ist“, sagt Roland Märker. Womöglich spielte für den Erfolg auch die katholischen Soziallehre eine Rolle, die ähnliche Werte wie die Awo vertrat. „Die AWO lebt nach den Grundwerten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.“ Vielleicht trug auch der Erfolg der SPD im Saarland zum Erfolg der hiesigen Awo bei.

Die Herangehensweise der Awo Saarland unterschied sich von anderen Landesverbänden. „Die Awo Saarland war diversifizierter“, findet Roland Märker. „Andere hatten mehr Fokus auf die Altenpflege. Die war für die Awo Saarland auch wichtig. Wir hatten aber auch andere starke Schwerpunkte. Zum Beispiel haben wir früh mit der Behindertenhilfe begonnen, was zu dem Zeitpunkt fast ein Alleinstellungsmerkmal war.“ Diese Hilfe fand in Heimen statt, die eigentlich für DDR-Flüchtlinge gedacht waren. „Die Kinderbetreuung – darunter Ferienfreizeiten – hat auch eine riesige Rolle gespielt in der Nachkriegszeit.“

Und wie sieht es heute aus? „Gemessen an der Einwohnerzahl sind wir heute der mitgliederstärkste Verband“, sagt Roland Märker. Wichtig für die Awo Saarland: Die Vorstände, die zum Beispiel über wichtige Neubauten entscheiden, waren und sind Ehrenamtler. Eins hat sich ebenfalls nicht geändert: Die Mehrheit der Mitglieder sind Frauen. „In den Vorständen aber sind mehr Männer“, sagt Roland Märker. „Ich habe oft darüber nachgedacht, warum genau das so ist.“

Vielleicht ein Thema für die Zukunft – genau wie viele andere? Schließlich steht die AWO Saarland vor genau den gleichen Herausforderungen wie andere Arbeitgeber und Verbände. „Der Fachkräftemangel ist ein großes Problem“, sagt Roland Märker. Man reagiere mit internen Weiterbildungsmöglichkeiten, zum Beispiel an der Awo-Akademie, und verschiedenen Benefits wie einer umfassenderen Altersversorgung. Roland Märker blickt eher optimistisch nach vorne: „Ich denke, dass die Digitalisierung hier auch viele Vorteile bringen wird.“

Am heutigen Samstagabend feiert die Awo Saarland ihren 100-jährigen Geburtstag im Saarbrücker Schloss. Und zwar gemeinsam mit geladenen Ehrengästen: Ministerpräsidentin und SPD-Landesvorsitzende Anke Rehlinger kommt, genau wie Lydia Struck, Kulturanthropologin und Urgroßnichte von Awo-Gründerin Marie Juchachz. Denn am Samstag wird natürlich auch der bewegenden Entstehung gedacht. Und es werden die Persönlichkeiten geehrt, welche den Erfolg der Awo Saarland erst möglich machten. Denn dieser liegt an starken, mutigen Menschen – besonders Frauen, die ihr Leben der Solidarität widmeten und so zeigten, dass diese gerade in Krisenzeiten erstarken kann.

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