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Der Bagger vor der Haustür
Von schlechten Gewohnheiten

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Wohl jeder Mensch pflegt mehr oder weniger seltsame Gewohnheiten. Es muss ja nicht jeder mitkriegen. Manchmal aber lässt es sich nicht vermeiden. Etwa dann, wenn eine Wanderbaustelle einige Tage vor der Haustür der SZ-Redakteurin gastiert.

Die Herren beginnen pünktlich, das muss man ihnen lassen. Ich nehme ich es ihnen nicht krumm, dass sie am Morgen – just vor der Haustür – einen Höllenlärm veranstalten. Weil die Kanalsanierung unumgänglich ist. Die erste Tiefbaumaßnahme seit 60 Jahren, sagt mein Lieblingsnachbar. Frohlocket, es keimet Hoffnung, dass auch mal die Fahrbahndecke an die Reihe kommt.



Aber sonst – alles erträglich, alles prima. Bis auf die Tatsache, dass die Aktivitäten des Baggerfahrers und seines mitschuftenden Kollegen meinen Gewohnheiten in die Quere kommen. Denn erst nach dem Frühstück erfolgt der Gang ins Bad. Was wiederum angestrengte Überlegungen nach sich zieht: Wie, bitteschön, komme ich an meinen Briefkasten heran, der im Vorgarten auf einem Pfosten steht und nur dadurch zu erreichen ist, dass man vor die Haustür tritt.

Man will nicht gesehen werden, schon gar nicht in der „Schloofanzuchsbux unn mit de Schlabbe“. Das Schlafanzugsoberteil kann man noch mit einer Jacke verhüllen. Und die Haare ein wenig richten, damit die Herrschaften nicht meinen, sie buddelten vor der Geisterbahn. Falls sie denn im schlimmsten Fall der Hausherrin ansichtig werden. Es gilt dies doch, wie gesagt, zu vermeiden. Also sachte die Haustür einen winzigen Spalt öffnen und schauen, ob die Bauarbeiter in die Arbeit vertieft sind. Super, sie sind es. Jetzt ganz geschwind und beherzt einen Ausfallschritt wagen, die Zeitung aus dem Briefkasten zerren, zur Haustür hasten und sie wieder schließen.

Das geht genau drei Tage lang gut, doch am vierten tritt der Super-Gau ein. Als ich in meiner ganzen „Pracht“ zur Zeitung eile, scannen mich aus dem Bagger heraus zwei Augen – zack. Nun ist es also geschehen. Doch dann kommt tags darauf die Erlösung. Weil die Wanderbaustelle genau das macht, was sie am besten kann: nämlich wandern. Also bleibt es dabei: erst das Frühstück, dann das Bad. Schlechte Gewohnheiten sollte man pflegen.