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Von der Kunst, Kultur zu vermitteln
Von der Kunst, Kultur zu vermitteln

Isabelle Federkeil, Mona, Serbil, Organisatorin Steffi Ludwig und Emine (von links) halten den Abschluss ihren Kunstprojektes „Lebenswege“ in den Händen.
Isabelle Federkeil, Mona, Serbil, Organisatorin Steffi Ludwig und Emine (von links) halten den Abschluss ihren Kunstprojektes „Lebenswege“ in den Händen. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Die Kultur- und Lesetreffs leisten enorm wichtige Basisarbeit vor Ort für die kulturelle Bildung von Kindern und Erwachsenen. Wir waren zu Gast im Kultur- und Lesetreff Burbach. Von Susanne Brenner

Es sind eigentlich nur rote, braune, goldene Herbstblätter, die da auf dem Tisch liegen. Aber vor den Augen von Shayenne und ihren Freundinnen verwandeln sie sich in einen sagenhaften Schatz. Und beinahe würden sich die kleinen Mädchen sogar in die Wolle bekommen, wer welchen Blatt-Schatz bekommt. Die Macht der Fantasie. Erzähle einem Kind eine gute Geschichte, und aus trockenem Laub wird etwas Kostbares.



Wenn dann noch die Geschichte von der kleinen Maus und dem goldenen Blatt so lebendig, so mitreißend erzählt wird, wie das Ilka Sauer gerade im Kultur- und Lesetreff Burbach tut, dann muss man sich sogar als Erwachsener zurückhalten, nicht das eine oder andere Blatt zu mopsen.

Sechs kleine kichernde, hampelnde Kindergarten-Mäuse haben sich hier an diesem Morgen um einen Bücherkoffer gruppiert. Sie stellen Steffie Ludwig, der Leiterin des Treffs, ihr „Buch des Monats“ vor. Alle vier Wochen kommen Erzieherinnen der Kindertagesstätte des Theresienheims mit einer Gruppe Kinder und dem Koffer hierher. Erst wird vorgelesen (übrigens immer parallel auch in Französisch), dann dürfen die Kinder in der Bücherecke stöbern. Und es ist ein Wunder, wie diese plappernde, unruhige Schar auf einmal still wird, sich auf Kissen lümmelt und zufrieden in Bilderbüchern „liest“.

Das „Buch des Monats“, zu dessen Präsentation alle anderen Kitas oder auch Familien eingeladen sind, ist eines von vielen schönen, anregenden Angeboten, die der Kultur- und Lesetreff macht. Und zwar nicht nur für kleine Kinder.

Steffi Ludwig, die seit zwei Jahren die Leitung übernommen hat, ist eine „alte Häsin“ im Kultur-Geschäft. Vor vielen Jahren, damals war noch Reiner Silkenbeumer Kulturdezernent in Saarbrücken und brachte allerhand Neues, gründete und leitete sie die erste Kinderkulturwerkstatt. Untergebracht war die in der Grundschule Schafbrücke am Geisberg. Zehn Jahre lang lernte hier eine ganze Generation von Kindern, wie Kunst funktioniert und wie Künstler ticken. Denn damals wie heute vertritt Steffi Ludwig den Standpunkt, dass Kinder Kontakt zu echten Künstlern haben sollten. Und so gab es in der Kulturwerkstatt keine Basteltanten, sondern echte Künstler. „Kinder merken, dass das Profis sind. Das kommt an“, sagt Ludwig. Und genau so ist es auch nun in Burbach. Die Angebote hier werden von Profis wie dem Fotografen André Mailänder, dem Schauspieler und Autor Peter Tiefenbrunner, der Bildenden Künstlerin Isabell Federkeil oder der Schauspielerin Birgit Giokas gemacht. Die inhaltliche Ausrichtung des Kultur- und Lesetreffs umarmt dabei alle Generationen. „Ich will von drei bis 90 alle erreichen.“

Peter Tiefenbrunner etwa leitet einen Schreibworkshop, zu dem vor allem Ältere kommen, „manche haben vorher noch nie geschrieben“, sagt Steffi Ludwig.

Birgit Giokas betreut eine Theatergruppe mit Kindern im Grundschulalter. „Die kommt richtig gut an“, sagt Steffi Ludwig. Dabei behandelt Giokas die Kinder nicht mit Samthandschuhen. „Die kritisiert sie auch: ,Sprich lauter, man versteht dich nicht’. Manchmal dachte ich schon: Die kommen jetzt nicht mehr.“ Aber im Gegenteil. „Die nehmen das von ihr an, und sie lernen wirklich was.“ An der Tür zum Kultur- und Lesetreff hängt ein Zettel: Der Kurs ist leider voll, es können keine weiteren Kinder mehr aufgenommen werden.

Am ehrgeizigsten sind aber sicher die Projekte, die Steffi Ludwig gemeinsam mit dem Fotografen André Mailänder entwickelt. An einer Wand im Lesetreff hängt das Foto einer sonnengemusterten Gardine. Ein kunstvolles schwarz-weißes Stillleben, das einen guten künstlerischen Blick verrät. Die junge Syrerin Cham hat es fotografiert. Es ist ein Ergebnis des Fotoworkshops „Daheim“, den Mailänder im Kultur-  und Lesetreff abhielt. Dafür machten Ludwig und er sogar einen richtig großen Zuschuss aus dem Bundespropjekt „Kultur macht stark“ locker. Eine Gruppe von Teenagern, die meisten syrische Flüchtlinge (man hatte zuvor vergeblich u.a. über Jugendzentren versucht, Jugendliche zu mobilisieren), arbeitet mit dem Profi Mailäder. „Am Anfang machten die, wie alle Teenies, erst mal Selfies“, erzählt Steffi Ludwig. Aber nach und nach, behutsam angeleitet vom Fotografen, änderte sich der Blick. „Die haben so ein Gespür bekommen für Kunst“, schwärmt Ludwig. Und der kleine Katalog, der begleitend zur Ausstellung „Daheim“ entstand, beweist es.

Als nächstes planen Mailänder und Ludwig nun das Projekt „Literatur und Fotografie“. Da werden die Jugendlichen Fotos mitbringen, die ihnen etwas bedeuten, und die in kurze Texte fassen. „Und irgendwann fotografieren wir dann den Erlkönig mit denen“, lacht Ludwig. „Ich komme gut klar und arbeite unheimlich gern mit Jugendlichen.“

Seit etlichen Jahren in anderen Teilen der Stadtverwaltung – nicht alle davon schön, wie sie offen zugibt –, ist Steffi Ludwig so wieder an ihrem Ursprung angekommen. „Stellt euch eine Welt ohne Musik vor, ohne Ästhetik und ohne Begriff für Schönheit“: „Nicht alles annehmen, was einem an Schrott vorgesetzt wird!“ Qualität erkennen. „Es hängt an den Persönlichkeiten“.

2000 Euro Veranstaltungs-Etat bekommt sie pro Jahr von der Stadt. Ein Witz eigentlich. „Ohne das Kultusministerium könnten wir vieles nicht machen.“ Von dort werden etwa die Leseförderungsprojekte unterstützt.