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Vom Löffel bis  zum Kinderwagen: Das "Waaren-Haus zur Schlossfreiheit"

Kostenpflichtiger Inhalt: Saar-Geschichte : Die 20 Schaufenster des Ludwig August Leiner

Vom Teelöffel bis zum Kinderwagen: Im „Waaren-Haus zur Schlossfreiheit“ fanden die Saarbrücker alles – bis die Bomben einschlugen.

Nach den Maßstäben heutiger Konsumtempel wäre es ein kleines Kaufhaus gewesen. Doch als das „Waaren-Haus zur Schlossfreiheit – L.A. Leiner“ 1896 an der Schlossmauer gebaut wurde, da war es etwas Besonderes. Ludwig August Leiner und seine Frau Rosina, geborene Krumm, waren aus der Pfalz gekommen, hatten dort Grundstücke verkauft, um in Saarbrücken ihr Glück zu versuchen.

Das Kaufhaus lag, in der Blickachse der Alten Brücke, direkt an der Schlossmauer. 100 000 Reichsmark (RM) kostete der Bau des Hauses, zeigt die „Kosten-Berechnung“ des Saarbrücker Architekten H. Weszkalnys von 1896 – etwa 3600 RM für die Erdarbeiten, 10 000 RM für „Steinhauerarbeiten“, 32 500 RM für „Maurerarbeiten und Material“. Der Name „Zur Schlossfreiheit” spielte darauf an, dass in diesem Bereich zur Fürstenzeit die Häuser der hohen Verwaltungsbeamten und des Hofstaats standen, die nicht der Gerichtsbarkeit der Stadt, sondern nur dem Fürsten unterstanden.

Ludwig Leiners Enkel, Gerhard und Karlheinz Reuther – heute 91 und 88 Jahre alt –, erinnern sich an eine Besonderheit: Das Kaufhaus hatte drei übereinander liegende Schaufensterreihen, die unterste nur aus der Nähe zu sehen, weil vor dem Haus ein durch ein Geländer geschützter Graben verlief, so dass es auch im „Kellergeschoss“ Schaufenster gab – insgesamt waren es 20. Das Hauptladenlokal befand sich im Erdgeschoss, von dort führte gegenüber dem Eingang eine sich nach rechts und links teilende Treppe zu einer umlaufenden Galerie. Das Kaufhaus bot zum Beispiel alle Arten von Haushaltsartikeln, Kinderwagen, Korbwaren, Geschirr, Spielzeug, Sportartikel und Werkzeuge.

Über dem Geschäft gab es noch zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss mit Wohnungen, die kleineren waren vermietet, in den beiden größeren lebten Familienmitglieder: Das Ehepaar Leiner und nach Ludwig Augusts Tod dessen Frau mit der ältesten Tochter Lina, darüber später die jüngere Tochter Rose mit ihrem Mann Karlheinz Reuther und den beiden Söhnen.

Offenbar liefen die Geschäfte gut, denn irgendwann kaufte das Ehepaar Leiner auch das langgestreckte Haus gegenüber mit der Eckkneipe „Zur Alten Brücke“, Wohnungen, weiteren Schaufenstern und einem Garten an der Saar. In Saarbrücken hatte man sich augenscheinlich gut eingelebt, von 1885 bis 1888 war Ludwig August Leiner Vorsitzender des „TV Saarbrücken 1848“.

Sechs Kinder hatte das Ehepaar – drei sollten ihre Eltern nicht überleben: Der erste Sohn, Karl, starb wenige Tage nach der Geburt, Ludwig, genannt Lud, starb im Ersten Weltkrieg – bei der Ausbildung zum Flieger stieg er 1917 nach bestandenem Flugschein am Stützpunkt Großenhain in Sachsen nochmals auf und stieß mit einem Flugschüler zusammen, der gerade seinen ersten Alleinflug absolvierte. Der dritte Sohn, ebenfalls mit Namen Karl, fiel im Ersten Weltkrieg, seine Schwester Rose sagte später: „An Weihnachten, nachdem zwei seiner Söhne gefallen waren, habe ich meinen Vater das einzige Mal weinen sehen.“

Sohn Heinrich und die Töchter Lina – die das Kaufhaus nach dem Tod des Vaters führte – und Rose, überlebten, mussten aber das Ende des Kaufhauses miterleben. In einer Notiz von Roses Mann aus dem Jahr 1944 heißt es: „Seit 7.1.44 ist Gerhard als Flakhelfer bei der Flak. Im Mai 44 überstand er in der Flak-Stellung auf der Bellevue einen schweren Bombenangriff, wobei allein 16 Flakhelfer im Alter von 15¼ bis 17 Jahren den Tod fanden. Die Stadt selbst hatte bisher viele schwere Luftangriffe zu überstehen. Am 13.7.44 wurde meine Mutter bei einem Bordwaffenangriff auf die Eisenbahn-Strecke Merzig-Brotdorf getötet. Bei dem Angriff am 5. auf 6.10.44, wobei fast ganz Alt-Saarbrücken verwüstet wurde, ist auch unser Haus (Erben Leiner) restlos niedergebrannt. Wir retteten uns aus dem Luftschutzkeller durch das brennende Haus. Wir verloren restlos die Wohnungseinrichtung, die Wäsche und nur einige Kleider meiner Frau und von mir wurden geborgen, Gerhard befand sich in Mannheim bei der Flak.“

Sein Sohn Karlheinz, damals noch ein Kind, erinnert sich an diesen Tag: „Onkel Heinrich hatte glücklicherweise Heimaturlaub“, war mit den anderen im Luftschutzkeller, „dann hat die Erde wahnsinnig geschüttelt“. Heinrich traute sich nachzusehen, merkte, dass das Haus brannte, und holte sofort seine Familie heraus. Offenbar hatten schräg fallende Phosphor-Bomben die Schaufenster im Erdgeschoss durchschlagen, denn das Haus brannte von unten nach oben nieder; „meine Mutter versuchte noch, die vorbeikommende Feuerwehr anzuhalten“, doch die war zu einem anderen Einsatz unterwegs. Das gegenüberliegende Haus Nr. 17 wurde bei einem anderen Angriff am Dach beschädigt, diente aber noch einige Jahre als Laden und Wohnhaus – bis in den Jahren 1961 bis 1963 die Stadtautobahn gebaut wurde. Sogar ein Teil des Felsens, auf dem das Saarbrücker Schloss steht, wurde damals abgetragen, die Schlossmauer um 17 Meter zurückversetzt, um Platz für die Autobahn und die Franz-Josef-Röder Straße zu schaffen – und die Überreste des Kaufhauses sowie alle anderen Häuser im Umfeld verschwanden.

Alte Zeitungsanzeige des „Waaren-Haus zur Schlossfreiheit“. Foto: Repro: Marco Reuther

Es war nicht das erste Mal, dass es in diesem Bereich einschneidende Veränderungen gegeben hatte. Denn direkt hinter der Alten Brücke links hatte es einst ein barockes Palais nach Plänen des Baumeisters Friedrich Joachim Stengel gegeben. Das „Palais Günderode“ hatte ursprünglich dem höchsten Verwaltungsbeamten von Fürst Wilhelm Heinrich, Kammerpräsident Hieronymus Maximilian von Günderode (1730-1777), als stattliche Villa gedient. Dort war auch der junge Goethe 1770 bei seinem Besuch in Saarbrücken zu Gast. In seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ erinnert sich Goethe: „Die ganze Einrichtung des Schlosses, das Kostbare und Angenehme, das Reiche und Zierliche deuteten auf einen lebenslustigen Besitzer, wie der verstorbene Fürst gewesen war; der gegenwärtige (Fürst Ludwig) befand sich nicht am Orte. Präsident von Günderode empfing uns aufs verbindlichste und bewirtete uns drei Tage besser, als wir es erwarten durften. ... Das genussreiche Leben des vorigen Fürsten gab Stoff genug zur Unterhaltung“. – Das Palais und weitere Häuser wurden 1897 abgerissen, um den Bau der Straßenbahn über die Alte Brücke zu ermöglichen.