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Keith Jarreds Köln-Concert wird zum Theaterstück
Volles Haus für einen furiosen Disput

Saarbrücken. Erfolg für Martin Huber und Manuel Krass mit ihrer sehr virtuosen Hommage ans legendäre Köln Concert. Von Anja Kernig

Der Mann muss Schmerzen haben beim Klavierspielen. Oder so. Verkniffen das Gesicht, die Augen zugepresst, finden die Finger Martin Hubers mehr intuitiv den Weg, als dass da noch irgendwas gesteuert werden kann oder muss. Doch die Anspannung ist enorm. Alles andere wäre ja auch Majestätsbeleidigung. Immerhin handelt es sich hier um „The Köln Concert“. Das einzig wahre, geniale, das am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper nach einer Aneinanderreihung unglückseliger Umstände um ein Haar nie stattgefunden hätte und das vielleicht genau deshalb und weil Keith Jarrett nun mal Keith Jarrett ist, zu den legendärsten Jazz-Improvisationen ever wurde.


Huber selbst fielen die Köln-Concert-Noten „als jungem Mann“ in einem Musikgeschäft in die Hände. Zufällig. Schicksalshaft. Nahm er sie doch wider besseren Wissens mit: Als Laie würde er, der Klavier spielende Schauspieler und Autor,  des Meisters Kunst nie auch nur annähernd reproduzieren können.

Vor 15 Jahren begann Martin Huber, Texte zu schreiben und aufzuführen, auch Klaviermonologe mit klassischer Musik. Und die Zeit reifte für das Köln Concert. Seit drei Jahren arbeitet sich Huber daran ab, übt und übt. Klar war: Um es auf die Bühne zu bringen, „musste ein Profi dabei sein“.

Da lief ihm Jazz-Piano-Dozent Manuel Krass über den Weg. Nach ihrer ersten gemeinsamen Arbeit „Flucht“, in der der Musiker für einen abgesprungenen Mimen „ein, zwei Schauspielszenen übernahm“, entwickelten sie die Geschichte vom „Ausgefallenen Konzert“: Ein Klavierstimmer platzt in eine bereits angefangene Aufführung des Köln Concert, um den Flügel zu stimmen. Darauf entwickelt sich ein Disput über dieses Highlight der Musikgeschichte und wie man damit umgehen soll als Pianist.

„Ich fand das Köln Concert immer überbewertet“, die langen Bögen, da hatte Jarrett überspannt, dann diese gewöhnungsbedürftigen „A-Moll und G-Dur Eskapaden“, grummelt Krass. Immerhin sind „tolle Stellen drin“, „es hat was Seltenes“.



Und genau diese Haltung vertritt er auch im Stück. Wie könne man überhaupt eine Improvisation vom Blatt abspielen, wie es Huber mit erstaunlicher Virtuosität den ganzen Abend praktiziert. Ist man Jarrett näher, wenn man ihn kopiert oder wenn man seine Methode des völlig Leer-Werdens anwendet, wie es Krass tut? „Ich habe einen Riesenrespekt davor, überhaupt nicht zu wissen, was kommt“, sagt der Profi. Allein die sieben Minuten „Pausen Gong-Improvisation“, für die es Zwischenapplaus gab, seien „unfassbar hart“.

Am Ende hagelte es Komplimente, „super gut“ seien die Zwei gewesen, „es hat sich total gelohnt“. Für Huber als Autor ist die ausverkaufte Vorstellung ein völlig neues Lebensgefühl: „Ich habe vor zu viel Leere gespielt.“ Doch dieser Gedanke hier sei „aufgegangen“. Wer weiß, vielleicht gibt es ein Gastspiel, Voraussetzung wäre ein Sponsor für den Flügel. Den 60 000 Euro Shigeru Kawai im Theater im Viertel, wo am Wochenende die Premiere stattfand, hatte das Land „hingestellt“ – übrigens ein um Längen besseres Instrument als das von Jarrett damals.