Zwischenrufe im Stadtbild

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in den öffentlichen Raum: Studierende der Saar-Kunsthochschule erkunden von der Handwerkergasse des Völklinger Weltkulturerbes aus die Stadt – und liefern eigenwillige künstlerische Kommentare.

Vor dem Start zum Stadtrundgang stellt Julia Wagner noch rasch ein Objekt vor, das mit soll auf den Weg. "Latte to go" hat sie es genannt: Holzlatten, in handliche Stücke zersägt, die sie mit Scharnieren, Haken und Ösen verbunden hat. Man kann die Dinger falten, Bündel, Zwei-Meter-Stab, Dreieck, Viereck, Buchstabe, Klapper - die Mit-Spaziergänger probieren's genüsslich aus.

Dann geht sie los, die "Völklinger Ausschweifung", zu der die Hochschule für Bildende Kunst (HBK) Saar am Donnerstag eingeladen hat. Vom Hochschul-Standort in der Handwerkergasse des Weltkulturerbes schweift die Gruppe aus in die Stadt, begleitet von den Professoren Eric Lanz, Andreas Oldörp und Georg Winter. Das Trio betreut das Projekt "Public Art" (öffentliche Kunst). Dabei haben Studierende gut ein Dutzend "Interventionen" in der Innenstadt erarbeitet, die jetzt Spaziergangs-Ziel sind.

Lächelnd weist Lanz auf einen Poller vor der Gebläsehalle: Kiefernzapfen, auf einem Drahtnetz befestigt, hüllen den Waschbeton ein. "In Völklingen trauen sich die Studenten , auch mal Spielerisches zu versuchen", sagt er; die Stadt sei ja voller Kontraste, das fordere heraus. Wobei die Interventionen leise seien. Stimmt - doch der Blick schärft sich schnell.

Leise erinnert Leonie Mertes auf dem Völklinger Platz an Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte. An die Arena-Stufen hat sie deren Vornamen geschrieben - ohne einen Tropfen Farbe hinzuzufügen: Sie entfernte für die Inschriften nur den Schmutz, der sich am Beton abgelagert hat. Leise und witzig hat Thorben Sand die Kaufhof-Umgebung zum "Kleinstadt-Dschungel" verwandelt: Eine langhalsige Giraffe lugt über eine Mauer, rosa Flamingos prangen an einem hellblauen Hauseingang, eine Kobra zischelt an der Parkhaus-Ruine. Leise antwortet Lena Schwingel am Alten Brühl auf eine bröckelige Mauer: Die Assoziation "Karies" hat sie mit winzig wirkenden echten Zähnen in Szene gesetzt.

Pupillen wachen an der Forbacher Passage. Arabische Zeichen irritieren in der Pfarrpassage. An der Rückseite der Eligiuskirche, hinterm mannshohen Zaun, ist "Mario Götze " eingezogen. Auf einer großen Bank an der City-Promenade sitzt einsam "The Lost Girl", ein knallrotes Wollpüppchen. Spielzeugautos trotzen in der Straße Zum Markt einem Parkverbot - nein, war mal, von der mittags fertig gestellten Installation sind abends nur noch Schrauben übrig.

Schlussstation ist das "Gläserne Atelier" in einem Laden-Leerstand an der City-Promenade. Jennifer Lubahn zeigt dort ihre Diplomarbeit: "Raumschnitte". Sie hat den Laden, eigenwillig gebaut, fotografiert und stellt nun raffinierte Ausschnittvergrößerungen dem dreidimensionalen Original gegenüber - Raum begegnet Raum, strenge, spannende Schönheit.

Zum Thema:

Auf einen Blick Alle Installationen des "Public Art"-Projekts, die Studenten der Hochschule für Bildende Künste Saar erarbeitet haben, sind bis einschließlich Samstag zu sehen, einige bleiben länger. Einen Lageplan gibt es in Jennifer Lubahns Ausstellung "Raumschnitte" im Ladenlokal Ecke City-Promenade/Forbacher Passage. Dort ist offen am 30./31. Juli und 5./6./7. August, freitags 18 bis 21 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 16 Uhr. dd

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