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Porträt: Wulf Scheffel, Uhrmacher in Völklingen
Zwischen Unruh und Pendel

 In der Werkstatt: Das Uhrwerk, an dem Wulf Scheffel arbeitet, stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im Hintergrund hängen alte Taschenuhren an der Pinnwand, schon restauriert, aber noch nicht fertig reguliert. 
In der Werkstatt: Das Uhrwerk, an dem Wulf Scheffel arbeitet, stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im Hintergrund hängen alte Taschenuhren an der Pinnwand, schon restauriert, aber noch nicht fertig reguliert.  FOTO: Oliver Dietze
Völklingen. Wulf Scheffel ist Uhrmacher – nicht nur von Beruf, sondern aus Leidenschaft. Seit 50 Jahren führt er ein Geschäft in Völklingen. Und will von „Ruhestand“ nichts hören. Von Doris Döpke

Uhren. Es tickt, läutet, schlägt überall. Uhren in der Vitrine neben dem Eingang. Uhren auf den Schränken. Uhren an jedem freien Stückchen Wand. Uhren auf der Treppe nach oben, auf jeder Stufe eine, Bronze, edle Hölzer, Emaille, Figuren, Szenen. Die Treppe, erzählt Wulf Scheffel schmunzelnd, sei extra breiter gebaut worden, als es dem Bauherrn zunächst vorschwebte, „ich wusste damals schon, was ich dort machen will“: eine Ausstellung von historischen Zeitmessern.


„Die ist von 1795“, sagt er und lüpft behutsam die Portaluhr auf dem Tresen. Das Alter erkenne man an technischen Details, hier etwa daran, dass das Pendel noch an einem Faden hängt, nicht an einer Feder. In der kleinen Werkstatt, die sich hinter einer Trennwand verbirgt, hat er eine ähnlich betagte Uhr in Arbeit. Das Werk, ausgebaut, liegt auf dem Tisch, schimmernd poliert: „Frisch gereinigt, es war fast schwarz – der Kunde wird seine Uhr nicht wiedererkennen“, sagt Scheffel und strahlt.

 Christel und Wulf Scheffel auf der Treppe in ihrem Geschäft an der Völklinger Bismarckstraße – inmitten historischer Uhren.
Christel und Wulf Scheffel auf der Treppe in ihrem Geschäft an der Völklinger Bismarckstraße – inmitten historischer Uhren. FOTO: Oliver Dietze


Das gute Stück wird generalüberholt. Und wenn seine Unruh wieder hin und her schnellt, die Zeiger wieder kreisen, wird das Werk ein winziges Firmenzeichen erhalten: Auf Reparaturen gibt’s Garantie. Die Uhr wird dann erstmal hinterm Verkaufstisch ticken, stets im Blick, zum Einregulieren; mehrmals täglich wird am Schräubchen gedreht. Zwei Wochen dauert es, zufriedenstellende Ganggenauigkeit zu erreichen, höchstens zwei Minuten Abweichung pro Woche. Gehen müssen die Sammlerstücke auf jeden Fall, „sonst sind sie nichts wert“.

Scheffel, Jahrgang 1943, hat früh zu sammeln begonnen. Als Lehrling im Betrieb, den seine Eltern 1950 in Fraulautern gegründet hatten, lernte er einen sammelnden Arzt kennen, der aus Metz oder Nancy oft mit Stücken aus dem 18. und 19. Jahrhundert heimkam. Scheffel restaurierte – „die Franzosen haben da tolle Sachen gemacht“, sagt er anerkennend – und fing Feuer für die feinmechanischen Kunstwerke.

Wer beherrscht dieses Metier heute noch? Im Köllerbacher Uhrenmuseum habe er Ansprechpartner, sagt Scheffel. Und es gebe ein paar Kollegen, mit denen er Erfahrungen und Ersatzteile austausche, aber eher weiter entfernt: „Das Problem ist, dass wir nur noch einen einzigen Uhrmacherlehrling haben im Saarland“, sagt er nachdenklich. Auch sein Sohn sei zwar in der Branche geblieben, habe sich mit Feinmechanik aber nicht anfreunden können: Er ist Goldschmied. Ebenso der Enkel, der nach dem Abitur just seine Ausbildung begonnen habe.

Mit Uhrmacherei allein lasse sich ohnehin keine Existenz begründen, sagt Scheffel: „Wir hatten von Anfang an auch Schmuck dabei.“ 1968 machte er sich in Völklingen selbstständig; seine Frau Christel, ein Jahr jünger als er, steht seither mit im Laden. Ihr Metier ist der Verkauf. Sie greift ins Schaufenster, um ein besonders eindrucksvolles  Stück zu zeigen, einen Armreif mit einem leuchtenden  blauen Opal. Überhaupt Opale: Einen Boulder, die edelste Sorte, trägt Christel Scheffel an der Halskette. Wulf Scheffel erzählt die Geschichte dazu. „Wir haben mal einen Deutschen kennengelernt, der in Australien selbst Opale schürft, im Tagebau.“ Der fliege einmal im Jahr nach Europa, „und er kommt dann mit seinem großen Koffer, da muss man halt zugreifen!“

Die Scheffels können auch Völklinger Geschichten erzählen. Von einem Großauftrag, den sie nach zwei Völklinger Jahren von der Hütte bekamen, 850 Nobel-Uhren für Jubilare, mit Gravur; da ging es Eisenwerk und Stadt noch gold. Von einem Kunden, der nach einem Blick ins Schaufenster in den Laden kam, um eine historische Uhr zu kaufen – ohne nach dem Preis zu fragen. Von Kunden für raffinierte Taucheruhren. Oder für Brillantringe, eine Schulung als Diamantgutachter habe er ja auch. „Es gibt nicht nur arme Leute in Völklingen“, sagt Scheffel. Und fügt lässig an: „Wenn jemand einen Einkaräter möchte, den haben wir natürlich auch da.“ Andererseits gibt es  Kunden, die nur eine neue Batterie für die Quarzuhr brauchen – wird erledigt. Oder Leute, die Rat suchen zu einem Internet-Einkauf.  „Manchmal kann man da helfen“, sagt Scheffel, „das machen wir dann gerne.“

Standortnachteil Völklingen? „Unsinn“, meint Scheffel. Gewiss, „so wie früher“ sei das Geschäft nicht mehr. Aber wenn man mitgehe mit dem sich wandelnden Markt und verlässlichen Service biete, kämen nach wie vor Kunden, oft auch aus Frankreich oder Luxemburg. Manchen Auftrag könne er gar nicht annehmen, aus Zeitgründen. Denn beim Umzug zur City-Passage habe man die Ladenöffnungszeiten reduziert, „das musste ich ihr versprechen“, sagt Scheffel und lächelt seiner Frau zu. Sie lächelt zurück.

Und wie lange soll’s – nach 50 Jahren – noch weitergehen? Dazu hat Wulf Scheffel eine Standardantwort: „Bis ich 100 bin. Dann gehe ich in Rente“, sagt er. Und lacht.