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Interkulturelles Kompetenzentrum der Arbeitskammer
„Es gibt keine Gesellschaft ohne Migration“

Pressegespräch im Vorfeld der Veranstaltung am Donnerstag im Interkulturellen Kompetenzzentrum (von links): Ingrid Scholz (Baris, Psychologische Beratung), Kadriye Eker (Baris, Kultur- und Sprachmittlerin, Frauenarbeit), Doris Bechtel (Arbeitskammer des Saarlandes, Referentin für Migrationspolitik) und Dörte Grabbert (Arbeitskammer des Saarlandes, Redakteurin und Moderatorin am Donnerstag).
Pressegespräch im Vorfeld der Veranstaltung am Donnerstag im Interkulturellen Kompetenzzentrum (von links): Ingrid Scholz (Baris, Psychologische Beratung), Kadriye Eker (Baris, Kultur- und Sprachmittlerin, Frauenarbeit), Doris Bechtel (Arbeitskammer des Saarlandes, Referentin für Migrationspolitik) und Dörte Grabbert (Arbeitskammer des Saarlandes, Redakteurin und Moderatorin am Donnerstag). FOTO: BeckerBredel
Völklingen. „Wo stehen wir als Migrationsgesellschaft?“: Um diese Frage geht es bei einer Diskussionveranstaltung am Donnerstag im Interkulturellen Kompetenzzentrum in Völklingen-Wehrden. Von Ulrike Paulmann

„Ich trage Kopftuch seit 24 Jahren. Bis vor wenigen Monaten bin ich noch nie darauf angesprochen worden.“ Doch dann kam dieser Tag, in einem Einkaufsmarkt war’s, als unvermittelt ein wildfremder Mann zu ihr sagte, sie solle das Kopftuch doch in ihrem eigenen Land tragen.


„Das war ein Schock“, erinnert sich Kadriye Eker. Als sie, die Deutsche mit türkischen Wurzeln, die bereits seit 32 Jahren in Völklingen lebt, ihn in klarem Deutsch darauf ansprach, suchte der Unbekannte flugs das Weite. „Andere hielten zu mir“, so Eker. Das machte ihr Mut. Dennoch sei das schon sehr verletzend gewesen. „Ich habe mich bis zu diesem Moment integriert gefühlt – und dann plötzlich wieder fremd“, sagt sie.

Von einer ähnlich unangenehmen Situation kann auch Doris Bechtel berichten: Beim Frauenschwimmen kürzlich unterhielten sich ganz in ihrer Nähe drei türkische Frauen, sie lachten auch. Woraufhin eine andere Frau, zu Bechtel, eine rassistische Beleidigung in Richtung des Trios ausstieß. Die wohl erhoffte Zustimmung blieb ihr verwehrt.



Zwei Erlebnisse, die sich beliebig ergänzen ließen. Und die das unterstreichen sollen, was Doris Bechtel und ihre Kolleginnen immer öfter beobachten, wie sie bei einem Pressegespräch im Interkulturellen Kompetenzzentrum in der Wehrdener Saarstraße herausstellen. Das Klima in der Gesellschaft, beklagen sie, sei rauer geworden, die Stimmung restriktiver. „Es wird sich getraut, so etwas zu sagen.“ Nämlich Migranten anzufeinden, sie vielleicht zu dämonisieren, Stimmung zu machen, Ängste zu schüren.

Zur Gesprächsrunde gehören neben Bechtel – sie ist Referentin für Migrationspolitik der Arbeitskammer des Saarlandes, bietet im Interkulturellen Zentrum Sozialberatung – gehören auch Kadriye Eker, die hier für den Verein Baris – Leben und Lernen unter anderem als Kultur- und Sprachmittlerin tätig ist, und Ingrid Scholz. Auch sie arbeitet im Zentrum, ebenfalls für Baris: Sie berät Menschen bei migrationsbedingten psychosozialen Problemlagen. Auch sie unterstreicht die Beobachtung der beiden anderen Frauen, berichtet von diskriminierendem Verhalten mancher Mitmenschen.

Und deswegen, sagen die Drei, ist eine Veranstaltung, wie sie im Interkulturellen Kompetenzentrum an diesem Donnerstag, 8. November, über die Bühne geht, auch so bedeutsam. „Wo stehen wir als Migrationsgesellschaft? – Bestandsaufnahme und Herausforderungen“, so lautet dann das Thema des Abends. Im Zentrum steht der Vortrag mit dem Titel „Sind wir noch zu retten?“ von Professorin Dr. Maria do Mar Castro Varela, Professorin für soziale Arbeit und allgemeine Pädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

„Es geht darum, die Sichtweise etwas aufzubrechen, um zu informieren“, sagt Doris Bechtel, mit Hinblick auf diese und andere Veranstaltungen. Sie sollten zum Nachdenken anregen.

Integration, betonen die Drei, ist entscheidend für die Menschen. Fühle sich jemand nicht integriert, abgelehnt, sei das „für die Identität ganz schädlich“, so Psychologin Scholz, das könne krank machen. In ihrer praktischen Arbeit sehen die Frauen immer wieder, wie wichtig gerade der Bildungsbereich ist, wenn es um die Integration geht. Exemplarisch erwähnen sie hier die Hausaufgabenhilfe für Schüler, die, neben vielen anderen Angeboten wie Jugendtreffs, Frauengesprächskreisen, Beratungen und anderem im Haus des Interkulturellen Kompetenzentrums in Wehrden stattfindet: „Wenn man auf die Schüler eingeht, hat man große Erfolge.“

Es sei von immenser Bedeutung, so die Fachfrauen, Migranten durch Bildung und Teilhabe zu befähigen. Ganz falsch dagegen sei es, den Menschen Intelligenz und Ähnliches abzusprechen, nur, weil ihr Deutsch vielleicht noch nicht akzentfrei sei. Oder sie zu diskrimieren, weil sie ein Kopftuch trügen.

Die drei Frauen betonen im Gespräch auch: „Es gibt keine Gesellschaft ohne Migration“. Es nütze nichts, sich abzuschotten. Oder, wie Ingrid Scholz es ausdrückt: „Ohne Migration wären wir schon ausgestorben.“

„Wo stehen wir als Migrationsgesellschaft? – Bestandsaufnahme und Herausforderungen“: Donnerstag, 8. November, 19 bis 21 Uhr, Interkulturelles Kompetenzzentrum der Arbeitskammer des Saarlandes, Saarstraße 25 in Völklingen-Wehrden. Vortrag und Diskussion. Moderation: Dörte Grabbert. Die Teilnahme ist frei, Anmeldung unter www.arbeitskammer.de/migration, per Telefon (0 68 98) 2 27 79 oder per E-Mail an interkulturell@arbeitskammer.de.