"Wir lassen unsere Vögel fliegen"

Lauterbach. Geduldig kratzt Flying Bufallo das Wachs aus seinem Kerzenhalter. Fried Roscher heißt er, wenn er in Stuttgart lebt, derzeit lässt er aber als Indianer auf der Scherf-Ranch beim Sommerlager des Landesverbandes für nordamerikanische Kulturgeschichte die Seele baumeln

Der Wilde Westen lässt grüßen: Soldaten, Milizionäre, Trapper und Indianer beim bunten Lagerleben auf der Lauterbacher Ranch. Foto: Jenal

Lauterbach. Geduldig kratzt Flying Bufallo das Wachs aus seinem Kerzenhalter. Fried Roscher heißt er, wenn er in Stuttgart lebt, derzeit lässt er aber als Indianer auf der Scherf-Ranch beim Sommerlager des Landesverbandes für nordamerikanische Kulturgeschichte die Seele baumeln. Da bricht auch das Kind in ihm durch: "Hier fällt einem ständig irgendein Blödsinn ein, und man findet auch immer welche, die diesen mitmachen", sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Selbstverständlich seien es nur harmlose Streiche, die nicht gefährlich sind. Außer für eine bestimmte Körperpartie: "Ich weiß, dass ich nach vier Tagen einen furchtbaren Muskelkater im Zwerchfell haben werde." Der fliegende Schwabenbüffel bringt es so auf den Punkt, was er im Camp für amerikanische Soldaten, Milizen, Trapper und Indianer so schätzt: "Alle Leute haben einen Vogel, wir lassen unsere Vögel fliegen." Zum Beispiel beim Pow-Wow. Bei diesem indianischen Fest rufen die Trommeln zum Tanz. Klar, dass an den Besuchstagen am vergangenen Wochenende auch die Gäste nach Indianerart mittanzen durften. "Dieses Jahr machen wir sogar noch ein paar Pow-Wows mehr als sonst, denn wir campen bereits zum 25. Mal auf der Scherf-Ranch", informiert Ralf Coassin, der im Fort Ganter den Presseoffizier spielt. Auch alles andere, was spektakulär ist, etwa ein paar Scherz-Schießereien, finden dieses Mal öfter statt. Walter Hild, der dieser Tage "Sir Walter" heißt, spielt mit seiner Gruppe Milizen aus der nordamerikanischen Revolution um 1776. Stolz dieser Gruppe ist eine Waffensammlung, welche die Mitglieder auch gerne den Besuchern nahe bringen. Etwa Michel Plischke, der noch auf der Suche nach einem Campnamen ist. Shunka Vaka, was so viel wie Pferd bedeutet, schaut ein bisschen traurig drein. Reiner Lorenz, so heißt er sonst, kommt aus Bad Mergentheim und der Grund für seine traurige Miene: "Die Schulferien in Baden Württemberg und Bayern sind dieses Mal so spät, dass ein Großteil der Familie nicht dabei sein kann." Nur Enkel Timo ist dabei.Im Fort führt ein echter General das Regiment. "Die Sons of Union Veterans haben mir diesen Dienstgrad in Ghettisbourgh verliehen", sagt General Sheridan alias Manfred Wiegend. "Das ist nur möglich, wenn tatsächlich ein Verwandter auf Nord- oder Südseite mitgekämpft hat, bei mir war es ein gewisser Friedrich Wiegand, ein Lieutenant der Nordstaaten-Armee." Und dann findet sich noch ein echter US-Amerikaner im Camp, Wayne Heffner, der mit General Sheridan befreundet ist. "Seit 1983 bin ich immer dabei. Ich mag es, hier zu beobachten, wie originalgetreu hier amerikanische Geschichte gelebt und verbreitet wird." Tatsächlich scheint die moderne Technik hier wie weggeblasen - sieht man einmal von den Beschallungsanlagen der Musikgruppen und den Dixie-Toiletten ab. Da kommt das Duschwasser aus einem an einen Ast gebundenen Holzfass, und Flying Buffalo kratzt das Wachs immer noch mühsam aus dem Kerzenhalter. "Mit einem Fön würde das viel einfacher gehen, aber wir haben hier viel Freude." - "Das muss man einfach mal erlebt haben", sagt sein Kumpel "Andrew McEarp", alias Andreas Reiter, aus Augsburg.