Wie Kunst eine Stadt aufwertet

Als Lehrer unterrichtet er Kunst, als Künstler ist er unter dem Namen Reso bekannt, als Galerist stellt er in Saarbrücken „Urban Art“ aus. SZ-Redakteurin Ilka Desgranges hat mit Patrick Jungfleisch gesprochen, der am Samstag seine Ausstellung „From Crossroads to Beyond” eröffnet.

Herr Jungfleisch, es gibt immer weniger Galerien in der Stadt, im Land. Als Grund wird oft genannt, im Saarland fehlte es an finanzkräftigen Käufern. Und dann kommen Sie und eröffnen - vor fast genau einem Jahr - eine Galerie.

Jungfleisch: (lacht). Es ist vielleicht gegenläufig zum Trend. Ich denke, dass Saarbrücken gar nicht so schlecht gelegen ist. Es ist unter zwei Stunden mit dem TGV von Paris aus zu erreichen. Frankfurt, Mannheim, Heidelberg sind ja auch nicht so weit weg. Auch Luxemburg und Metz nicht. Ich denke, dass es im Saarland schon viele Leute gibt, die Kunst kaufen. Die tun das dann aber in Frankfurt, Düsseldorf oder Köln. Warum sollte man Kunst nicht an einen Ort bringen, an dem es wenige Galerien gibt?

Die Galerie befindet sich am Eurobahnhof. Wer mit dem Zug fährt, ist natürlich sehr schnell bei Ihnen. Von wo kommen denn Ihre Kunden und Besucher?

Jungfleisch: Die Kunden kommen aus ganz Europa. Wir haben gerade ein Bild nach Norwegen verkauft. Unser Vorteil als Galerie ist, dass wir uns spezialisiert haben im Bereich "Urban Art". Dadurch, dass ich mich mit dieser Materie schon seit über 20 Jahren auseinandersetze, fühlen die Kunden sich gut beraten. Sie nehmen große Strecken auf sich, aus Paris, aus Stuttgart, München, um diesen Rat eben auch zu bekommen.

Als Reso haben Sie sich ja auch künstlerisch einen Namen gemacht.

Jungfleisch: Einige der Kunden wiederum wissen gar nicht, dass ich selbst Künstler bin. Die sehen das Programm, und anhand des Programms kann man die Qualität der Galerie bis zu einem gewissen Grad messen. Wir haben die führenden Leute im Bereich "Urban Art" im Programm.

Sie sind Lehrer , Künstler, Galeriebetreiber, waren künstlerischer Berater der sehr erfolgreichen "Urban Art"-Biennale im Weltkulturerbe in Völklingen. Dreht sich Ihr ganzes Leben um "Urban Art"?

Jungfleisch: Eigentlich schon. Dadurch, dass ich Kunst unterrichte, ist "Urban Art" Teil des Kunstunterrichtes in der Schule. Das Kultusministerium hat mittlerweile auch den Bedarf erkannt. Ich werde an Schulen abgeordnet, um Projekte zu "Urban Art" auszurichten. Das macht schon sehr viel Spaß.

Warum sollten sich Schülerinnen und Schüler aus Ihrer Sicht mit "Urban Art" beschäftigen?

Jungfleisch: Es ist ja immer die Frage, wie man Kinder und Jugendliche motiviert, damit sie Spaß an einem Fach bekommen. Ich denke, "Urban Art" kann da Wegbereiter sein. Die Jugendlichen finden wesentlich schneller Zugang, weil sie von der Straße die Ursprünge kennen, also Graffiti. Da kann man ansetzen und sie in der Kunst in andere Bereiche weiterführen. Das ist immer sehr spannend auch für die Schüler.

Wenn man sich mit Ihrer Biografie beschäftigt, stößt man unweigerlich auf New York. Ist ein Aufenthalt dort nötig, um ein guter "Urban Art"-Künstler zu werden, oder ist das eher Klischee?

Jungfleisch: Die Künstler, die aus diesem Bereich kommen, sind oft gereist. Man kennt sich untereinander, ist nach Paris, nach London, nach New York gereist um - damals jedenfalls - mit einem anderen Künstler im öffentlichen Raum zu arbeiten. Und Erfahrungen in Paris und New York gehören meiner Meinung nach auch zu einem "Urban Art"-Künstler dazu.

Gibt es Städte auf der Welt, die Sie kennen, von denen Sie sagen würden: Das ist die Stadt für "Urban Art"?

Jungfleisch: Das ist eine sehr schwierige Frage. Jede Stadt hat ihre Eigenart. New York hat gewisse Reize, wobei ich persönlich denke, dass aktuell Paris die Hauptstadt dieser Kunst ist, weil gerade ganz viel passiert. Auktionshäuser führen auf "Urban Art" spezialisierte Auktionen durch. Mehr als in anderen Städten. Und es gibt auch überproportional viele "Urban Art"-Künstler dort.

Sie sind ja mit Ihrer Galerie im Eurobahnhof nur knapp zwei Stunden von Paris entfernt…

Jungfleisch: Es sind auch die Räumlichkeiten. Kunden , die die Pariser Galerien kennen, waren von unserer Galerie hellauf begeistert, weil solche Räumlichkeiten in Paris sehr selten zu finden sind. Gerade in diesem Segment sind die Galerien in Paris eher kleiner.

Wie wichtig ist denn das Weltkulturerbe Völklinger Hütte für Sie als jemand, der berät und auch selber Künstler ist?

Jungfleisch: Ich denke, dass das Saarland mit der "Urban Art"-Biennale weltweit Zeichen gesetzt hat. Die erste Ausstellung dieser Art hat zeitgleich mit der "Urban Art"-Ausstellung in Los Angeles eröffnet.

Sie haben in Saarbrücken einen guten Ort für Ihre Kunst gefunden. Gibt es etwas, was Sie in der Stadt selbst gerne tun würden?

Jungfleisch: Touristen gehen immer wieder an dieselben Stellen, an den St. Johanner Markt zum Beispiel. Und Straßen wie die Kaiserstraße sind leer. Da gäbe es meiner Meinung nach schon Möglichkeiten, Leute dort hinzuziehen.

Wie?

Jungfleisch: Es geht mir gar nicht speziell um die Kaiserstraße, aber meiner Meinung nach könnte man bestimmte Gebiete in Saarbrücken mit Kunst, speziell mit "Urban Art", aufwerten. Mit der Kultur kommt das Leben in Stadtviertel, kommen die Menschen. Man sollte die Wirkung von Kunst und Kultur nicht unterschätzen.

Die Ausstellung "From Crossroads to Beyond” in der Galerie "Zimmerling & Jungfleisch" mit Werken von Reso, alias Patrick Jungfleisch, wird am Samstag, 28. November, um 19 Uhr eröffnet. Sie dauert bis zum 23. Januar. Die Galerie ist in der Europaallee 27d. Mehr Infos zur Ausstellung und zur Galerie gibt es im Internet.

zimmerling-jungfleisch.de