Wenn Erwachsene Radfahren lernen

Bremsen, Kurven fahren, Balance halten: Was ältere Menschen vor vielen Jahren einmal beherrschten, ist eingerostet. Wie fühlt man sich auf dem Rad, wenn man Jahre, ja Jahrzehnte nicht darauf gesessen hat?

Während die ersten Ausflügler auf dem weitläufigen Parkplatz vor dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte ihr Auto abstellen, steigen in einigen hundert Metern Entfernung drei Frauen und ein Mann auf kleine Fahrräder mit 20 Zoll Reifendurchmesser. Sie nehmen an einem zehnstündigen Wiederaufsteigerkurs (Kursgebühr pro Person 100 Euro) des zertifizierten Radfahrschullehrers Rolf Braun teil. Braun rief 2013 zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Saar die Radfahrschule Pro Velo ins Leben. Kooperationspartner sind das Weltkulturerbe Völklinger Hütte und das Diakonische Werk, das auf dem Besucherparkplatz eine Radverleihstation betreibt. Neben Kursen für absolute Anfänger und Wiederaufsteiger bietet die ADFC-Radfahrschule etwa Pedelec-Kurse und Verkehrskompetenzkurse an.

Am ersten Tag fahren die Schüler auf einem großen Tretroller, um vor allem das Gleichgewicht zu üben. Tags darauf üben sie mit 20-Zoll-Rädern, auf denen sie zunächst mit einem Bein rollern. Darauf folgen verschiedene Übungen wie Kurvenfahren, gezieltes Bremsen, Anfahren sowie Auf- und Absteigen. Zum Schluss fahren die Schüler mit 28-Zoll-Erwachsenenrädern.

Die Wiederaufsteiger, die mitunter jahrzehntelang nicht auf einem Fahrradsattel saßen und entsprechend unsicher sind, sollen ihre Radfahrkenntnisse im Kurs wieder auffrischen und so wieder das Rad im Alltag oder in der Freizeit nutzen können.

Zurück zum zweiten Tag des Kurses: Nachdem der eine oder andere Schüler aus dem Kurs über Muskelkater in den Beinen geklagt hat, beginnt kurz darauf die erste Übung auf den Mini-Rädern. Braun zeigt den Ablauf: Er sitzt auf dem Sattel eines Übungsrades, stemmt sich mit einem Bein hoch und setzt das andere ab. "Jede Übung baut folgerichtig aufeinander auf", erklärt Braun das Konzept der Radfahrschule und ergänzt: "Die Schüler erarbeiten sich Schritt für Schritt das Radfahren selbst." Das Konzept habe sich in hundert Prozent der Fälle bewährt, so Braun. Je nach persönlicher Motivation könnten die Schüler auch schon nach zehn Praxisstunden das Radfahren wieder erlernen.

So als säßen sie auf einem Roller, stoßen sich die vier Erwachsenen auf den Übungsrädern bei der nächsten Übung mit einem Bein ab. Als die Schüler dann so weit sind, dass sie in die Pedale treten, kommt es zu einem Zwischenfall: Ein Mann stürzt, als er eine Kurve fahren will. Es ist Kurt Baltes aus Saarbrücken-Gersweiler, der mit 81 Jahren der älteste Kursteilnehmer ist. Nach einer kurzen Unterbrechung kann er weitermachen. Seit über 50 Jahren ist er nicht mit dem Rad gefahren. "Ich erhoffe mir, dass ich wieder sicher Rad fahren kann", sagt Baltes. Da er nicht mehr so gut zu Fuß sei, stelle für ihn das Radfahren eine Alternative zum Wandern und Laufen dar.

Kurz vor der Mittagspause sieht jenseits des Zaunes eine Reisebusfahrerin interessiert zu. Gisela Walter aus Saarbrücken registriert die Frau und sagt leicht amüsiert: "Jetzt können wir ja fast schon Eintritt verlangen." Vor drei Monaten habe sie damit angefangen, Rad fahren zu erlernen, sagt sie. "Zu 99 Prozent habe ich das meinem Mann zuliebe gemacht", gesteht Walter. Wenn sie und ihr Mann im Ruhestand seien, könnten sie gemeinsam Radtouren machen. Für sie allerdings käme das Fahrrad nicht als alternatives Fortbewegungsmittel zum Auto infrage. Schon allein wegen der Gefälle in ihrer Wohngegend.

Kostenlose Verkehrskompetenzkurse (für maximal vier Personen) der Radfahrschule Pro Velo finden am Freitag, 10., und Samstag, 11. Oktober, sowie Freitag, 17., und Samstag, 18. Oktober, statt. Anmeldung im Internet unter www.radfahrlehrer-provelo.de , per E-Mail an rolf.braun@radfahrlehrer.de oder unter Telefon (06 81) 65 72 0.