Wenn der letzte Zivi geht

Völklingen. Im Sommer wird mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst ausgesetzt. Trifft es Krankenhäuser, Altenheime oder behinderte Menschen, wenn die Zivi-Unterstützung wegfällt? Wir haben uns in der Region umgehört. Gerald Zieder (52, Foto: privat) verdankt den Zivis viel. Der Völklinger ist seit 1987 querschnittsgelähmt. Nach einem Autounfall lebte er zunächst zwei Jahre im Altenheim

Völklingen. Im Sommer wird mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst ausgesetzt. Trifft es Krankenhäuser, Altenheime oder behinderte Menschen, wenn die Zivi-Unterstützung wegfällt? Wir haben uns in der Region umgehört.Gerald Zieder (52, Foto: privat) verdankt den Zivis viel. Der Völklinger ist seit 1987 querschnittsgelähmt. Nach einem Autounfall lebte er zunächst zwei Jahre im Altenheim. Dank dreier Zivis, die sich Tag und Nacht um ihn kümmerten, konnte er eine eigene Wohnung beziehen. Damals dauerte der Ersatzdienst noch 20 Monate. Die Kontinuität war wichtig. "Die Einarbeitungsphase dauerte etwa sechs Monate", berichtet Zieder. Im Laufe der Jahre wurde der Dienst immer kürzer. Kaum beherrschten die Helfer ihren Job, mussten sie sich wieder verabschieden. Als die Dienstzeit auf elf Monate gesenkt wurde, beendete Zieder die Zusammenarbeit. Hinzu kam, dass die Arbeiterwohlfahrt, die den bisherigen Pflegedienst übernahm, keine Zivis in der Pflege einsetzte. Seit etwa zehn Jahren wird der Rollstuhlfahrer nun von Kräften der Awo betreut. Jetzt hat er feste Bezugspersonen. Der Nachteil: Die Versorgung in der Nacht muss er selbst finanzieren. "Ich hatte mit allen ein gutes Verhältnis", betont Zieder mit Blick auf die insgesamt 46 Zivis, die ihn betreuten.

Seit Juli 2010 müssen sich die Kriegsdienstverweigerer nur noch für ein halbes Jahr verpflichten. "Die jungen Leute waren zuletzt maximal vier Monate im Einsatz", berichtet Wolfgang Hermann, Verwaltungsdirektor des Seniorenzentrums Ludweiler, mit Blick auf die Urlaubs-, Krankheits- und Fortbildungszeiten der Mitarbeiter. Hermann bedauert die Entwicklung: "Die Zivis waren ein ganz wichtiger Baustein unserer täglichen Arbeit". Noch vor wenigen Jahren arbeiteten sieben in dem Seniorenheim. Die Zahl sank kontinuierlich, Ende Februar verabschiedet sich offiziell der letzte Zivi. Schon seit einiger Zeit setzt die Awo in Ludweiler verstärkt auf Praktikanten, junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren, oder auf die ehrenamtlichen Grünen Damen. Den geplanten Bundesfreiwilligendienst, der den Zivildienst ersetzen soll, sieht Hermann skeptisch. Bisher vermisst er verbindliche Aussagen. "Ich hoffe, dass die Bundesregierung nicht an der falschen Stelle spart", erklärt der Verwaltungsdirektor.

Als "völlig offen" bezeichnet Markus Meiser die Entwicklung der Freiwilligendienste im Völklinger Schülerzentrum "Grünes Haus". Sicher ist nur: Das bewährte Modell mit zwei Zivildienstleistenden und zwei FSJlern geht zu Ende. "Zurzeit haben wir keine seriösen Bewerbungen vorliegen", erklärt der Leiter des Schülerzentrums. Existenzbedrohend ist die Situation aber wohl nicht: Mit dem Bistum Trier verfügt das Grüne Haus über einen starken Träger. Den Völklinger SHG-Kliniken stehen mit dem Wegfall des Ersatzdienstes wohl keine großen Probleme ins Haus. Zurzeit sind dort drei Zivildienstleistende beschäftigt. Sie übernehmen Hol- und Bringdienste oder helfen in der Apotheke beim Ein- und Auspacken. Die jungen Leute, so Verwaltungsdirektorin Gabriele Haser (Foto: Nilles-Grobes), sollen durch Helfer des Bundesfreiwilligendienstes oder 400-Euro-Kräfte ersetzt werden. Ich hoffe, dass die Bundesregierung nicht an der falschen Stelle spart."

Wolfgang Hermann vom Seniorenzentrum Ludweiler

Hintergrund

Parallel zum Abbau der Zivildienststellen stiegen in den letzten Jahren die Angebote für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Diese Stellen sichern den sozialen Einrichtungen eine größere Kontinuität. Die jungen Leute bleiben ein ganzes Jahr - mittlerweile doppelt so lange wie die Zivis. Die Entwicklung bestätigen auch die Zahlen der Einrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Nach Angaben von Sabine Schmitt, Leiterin der Verwaltung Zivildienst im Paritätischen Landesverband, arbeiten dort saarlandweit 250 Zivildienstleistende. Zu Spitzenzeiten waren es mehr als doppelt so viel. Für die Zukunft setzt Schmitt auch auf den neuen Bundesfreiwilligendienst: Ab Juli, so die Expertin, würden Fördermittel für 35 000 Freiwillige zur Verfügung gestellt. tan