Weingeschenk zum OP-Tag

Dr. Helmut Isringhaus, Begründer der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie des Herzzentrums Saar in Völklingen, ist Ende August nach mehr als 23 Jahren in dieser leitenden Funktion und zuletzt als ärztlicher Direktor der SHG-Kliniken Völklingen in den Ruhestand getreten. AmMittwoch wird er offiziell verabschiedet. Im Gespräch mit SZ-Redakteur Peter Wagner schaut Isringhaus auf die Völklinger Jahre zurück.

Herr Dr. Isringhaus, hätten Sie nicht noch ein paar Jährchen als Chefarzt dranhängen können?

Dr. Helmut Isringhaus : Ich bin 65 plus und wollte diese Tätigkeit immer schon in diesem Alter beenden. Ein Chirurg muss nach meiner Überzeugung maximal fit sein.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 23 Jahren in Völklingen ?

Isringhaus: Wir hatten und haben große Erfolge. "Erfolge" sind für mich vor allem die Patienten, die zu uns kommen, weil sie unsere Qualität schätzen. Seit zehn Jahren machen wir über 1000 große Herzoperationen im Jahr, einschließlich Kardiologie haben wir 9000 stationäre Patienten im Jahr - und unser Ruf ist messbar gut. Neben dem Herzzentrum haben wir das zertifizierte Lungenzentrum gegründet und auf eine Erfolgsspur gesetzt.

Bei so vielen OPs kann der beste Chef den Überblick verlieren, oder nicht?

Isringhaus: Ich denke, ich bin nie das gewesen, was man mal "Halbgott in Weiß" nannte. Tragend für unser Konzept war stets die Fokussierung auf den Menschen und das entsprechende kranke Organ. Also nicht: "Chirurgie " oder "Innere", sondern Herzmedizin und Herzzentrum oder Lungenzentrum. Ergebnisorientiertes Arbeiten! Was in schwierigen Fällen zu tun ist, wird nicht per Rang entschieden, sondern in einer Konferenz oder im Team. Das gemeinsame Entscheiden mit sehr guten Diskussionen ist eine Völklinger Besonderheit.

Wie wir wissen, gingen Sie 23 Jahre um 7 Uhr aus dem Haus und kamen oft gegen 20 Uhr erst heim. Wir vermuten: Die Arbeit hat Ihnen Spaß gemacht?

Isringhaus: Ja, ich bin wirklich jeden Tag gern zur Arbeit gefahren. Ich habe einen hoch interessanten Job gehabt, bei dem es oft um Leben und Tod ging. Meistens aber um Lebensrettung.

Waren Sie für Ihre Tätigkeit in Völklingen familiär vorgeprägt?

Isringhaus: Meine Familie stammt aus Wuppertal, mein Vater war Lungenfacharzt. Mein Doktorvater, Dr. Kurd Stapenhorst, nahm mich mit an die Uniklinik Homburg. Ich war 25 und durfte viel von ihm lernen. 1991 ging ich, übrigens gegen seinen Widerstand, nach Völklingen , um dort die zweite Herzchirurgie im Saarland aufzubauen. Im ersten Jahr hatten wir schon 180 Operationen. Die habe ich noch alle selbst gemacht.

Was zeichnet einen guten Chefarzt aus?

Isringhaus: Da sind viele Sachen, die zusammenkommen müssen. Neben guten medizinischen Kenntnissen und "gutem Operieren" die Fähigkeit, mit Patienten und Kollegen auf Augenhöhe glaubwürdig zu sprechen, Sinn für reibungslose Abläufe, Mitarbeiter auswählen, einarbeiten und nach ihren Fähigkeiten einsetzen. Wir hatten in Völklingen immer ganz wenig Mitarbeiter-Fluktuation. Außerdem: Man wird im Lauf der Jahre immer mehr zum Manager und Marketing-Mann. Ich stehe dazu, dass ich mich wie ein Unternehmer fühle. Ein guter Chefarzt muss auch unternehmerisch denken - und auch kostenbewusst sein. Die Chirurgie wird in der letzten Zeit durch moderne Techniken wie etwa minimalinvasive Operationen und dreidimensionale Darstellungsverfahren wahnsinnig weit vorangebracht. Man braucht eine profitable Klinik, um solche Investitionen stemmen zu können.

Was bleibt aus Völklingen in Erinnerung?

Isringhaus: Vor zwölf Jahren haben wir "Herz im Focus" erfunden, eine sehr erfolgreiche Fortbildungsreihe. Ärzte, Pflegekräfte und Sprechstundenhilfen werden hier gemeinsam auf den neuesten Stand gebracht. Auch die Seminare mit der Deutschen Herzstiftung sind hervorzuheben: endlich einmal verständliche Fortbildung, auch für Patienten. Ganz wichtig natürlich: Wir haben es geschafft, die Zusammenarbeit mit französischen Ärzten und Kliniken zu stärken. Nun werden verstärkt auch Notfallpatienten aus Frankreich bei uns in Völklingen behandelt. Was wir in Völklingen übrigens auch gut hinbekommen haben, ist die integrierte Versorgung, also die Verbindung von stationären Therapie und Nachsorge am Wohnort. "Der Patient ist entlassen" ist nicht das Motto.

Bekommen Sie Post oder Geschenke von Patienten?

Isringhaus: Ja, oft. Ein Patient schickt mir an seinem OP-Tag sogar immer eine Flasche Wein - schon seit 20 Jahren.

Waren Sie eigentlich selbst schon mal Herzpatient?

Isringhaus: 2001 erlitt ich durch eine bakterielle Entzündung eine Herzklappenentzündung und wurde in meiner eigenen Klinik vier Wochen vorzüglich behandelt.

Was kann man durch Verhalten und Lebensweise tun, um möglichst nicht in der Herzchirurgie zu landen?

Isringhaus: Vernünftig leben, nicht rauchen, schlank bleiben, Bewegung. Aber es gibt natürlich Erkrankungen, die sich nicht durch richtige Lebensweise vermeiden lassen.

Zum Thema:

HintergrundHelmut Isringhaus, aus aus Wuppertal stammender Herzchirurg, prägte die Medizin im Saarland entscheidend mit. 1991 wechselte er von der Uniklinik Homburg nach Völklingen (ans damalige Kreiskrankenhaus, zuvor Hüttenkrankenhaus), um dort eine zweite Herzchirurgie aufzubauen. Er arbeitete dabei zusammen mit Professor Dr. Günter Hennersdorf, dem damaligen kardiologischen Chefarzt in Völklingen . Die Gründung, veranlasst von der Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine (damals SPD ), war seinerzeit (gesundheits)politisch umstritten. red