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Wir Technikgläubigen
Vom falschen Zauber digitaler Zahlen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wer sich auf moderne Technik verlässt, ist manchmal ganz schön verlassen – jedenfalls bei so alltäglichen Sachen wie der Luft im Zimmer. Von Doris Döpke

Ein armes Tier ist das Klavier, weiß der Volksmund. Passt, zumindest für das Instrument, das mich Jahrzehnte begleitet hat. Spuren des Missbrauchs zeichneten es, als es aus einem heruntergewirtschafteten Bauernhof zu mir kam: Fröhliche Feierer hatten es, per Guss in den Tastenboden, teilhaben lassen am reichlichen Bierfluss ländlicher Feste. Darüber hatte es die Motten gekriegt; alles  aus Filz –  bei Klavieren viel – bedurfte der Erneuerung. Bei mir lebte das arme Tier wieder auf. Wenngleich ich ihm keine artgerechte Haltung bieten konnte, trockene Heizungsluft tat ihm nicht gut – jüngst war es am Ende seines Instrumentenlebens angelangt. Das immerhin fast 120 Jahre dauerte, ein Methusalem-Alter.


Der Nachfolger sollte es besser haben, nahm ich mir vor. Und angelte ein digitales Thermo- und Hygrometer aus der Schublade. Frisch mit Batterien bestückt, zeigte es Zahlen. Temperatur: unauffällig. Relative Luftfeuchte: 30 Prozent. Huch? Es fand sich ein zweites Kombigerät: 25 Prozent. Weia, knapp vor Wüste – so fühlte sich das Wohnzimmer aber nicht an. Tickte die so hübsch „präzise“ Anzeige falsch? Toleranz plusminus fünf bis acht Prozent, lernte ich im Internet. Trotzdem, ein drittes Hygrometer musste her. Im Baumarkt öffnete ich Schachteln, las Gebrauchsanleitungen. Ernüchternd: gleiche Ungenauigkeit bei Teuer- und Billigteilen. Also billig. 38 Prozent, das schien plausibler. Hygrometer vier, geliehen, brachte es gar auf 41 Prozent.



Nach einiger Recherche weiß ich jetzt: Die kabarettreife Geräte-Parade hat ihre Gründe. Temperaturmessung ist trivial – Luftfeuchte-Messung nicht. Denn die, weil relativ,  wird ja errechnet. Und ist einer der  Messwerte falsch – Temperatur hier, absolute Luftfeuchtigkeit dort –, ist einer der Fühler  schlapp, schmuddelig, schlecht hergestellt, kommen, im Wortsinn, Lachnummern raus. Deshalb lieben Präzisions-Fanatiker, Zigarren- oder Terrarien-Freunde etwa, die guten alten Haar-Hygrometer. Denn die kann man bei Bedarf mit Hausmitteln zur Raison bringen. Bei Digitalem geht das nicht; und richtig exakt wird’s da erst in der Mondpreis-Region.

Muttnich. Fürs Klavier und mich  reicht’s ungefähr. Und die Magie digitaler Zahlen hat für mich ihre Kraft verloren.