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Auto-Geschichte
Als ein Raser zwei Hühner überfuhr

 Taxis am Völklinger Bahnhof: In der Zwischenkriegszeit war der Bahnhof wichtigste Zentrale für den Taxibetrieb.  Drumherum aber weite, offene Pflasterflächen – heute ist Straßenasphalt den historischen Bahnhofsgebäuden ganz nahe gerückt.
Taxis am Völklinger Bahnhof: In der Zwischenkriegszeit war der Bahnhof wichtigste Zentrale für den Taxibetrieb.  Drumherum aber weite, offene Pflasterflächen – heute ist Straßenasphalt den historischen Bahnhofsgebäuden ganz nahe gerückt. FOTO: Stadtarchiv Völklingen
Völklingen. Wie es in Völklingen anfing mit den Autos – und wie das Auto das Gesicht der Stadt veränderte: Der Archivar hat nachgeforscht. Von Thomas Annen

Am Donnerstag, 2. Mai,  laden das  Stadtarchiv und die Volkshochschule Völklingen zu einem Vortrag über die Geschichte des Automobils und des Autoverkehrs in Völklingen ein. Stadtarchivar Michael Röhrig (33) informiert über die historische Entwicklung, bei der sich Leben und Gestalt der  Stadt im Lauf der Jahrzehnte grundlegend wandelten – sie wurden „autogerecht“. Sein Vortrag beginnt um 18 Uhr im Festsaal des Alten Rathauses.


Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Michael Röhrig: Seit einigen Jahren gehört die Verkehrsgeschichte zu meinen Arbeitsschwerpunkten. Anlass, mich intensiv mit der Thematik zu beschäftigen, war ein Zufallsfund in der Völklinger Zeitung von 1906: Laut der Meldung hatte ein Raser zwei Hühner überfahren. Aufgrund der Staubwolke, die sein Auto aufwirbelte, konnten die Augenzeugen sein Nummernschild nicht erkennen.



Hätte der Verkehrsrowdy sonst womöglich seinen Führerschein abgeben müssen?

Röhrig: Der staatlich einheitliche Führerschein wurde erst 1909 per Gesetz eingeführt. Aber schon zuvor mussten Autofahrer nachweisen, dass sie befähigt sind, ein Auto zu führen.

Neben frei laufenden Hühnern mussten sich auch Fußgänger, Radfahrer und die Lenker von Pferdefuhrwerken an die Autos gewöhnen.

Röhrig: Bis dahin spielte sich ein großer Teil des öffentlichen Lebens auf der Straße ab. Kinder spielten dort, Passanten unterhielten sich. In diese Lebenswelt ist das Auto eingedrungen. Es gab schwere Unfälle, auch aufgrund zu schnellen Fahrens.

Bildeten Presseartikel Ihre Haupt­informationsquelle?

Röhrig: Nicht nur, ich habe viele Zeitungsjahrgänge durchgeblättert – mit wachem Auge. Manche Meldungen umfassen nur wenige Zeilen. Es gibt aber auch Akten der Völklinger Verwaltung. So fand  1905 eine Zählung der Kraftwagen statt. Insgesamt ist die Quellenlage für die Frühzeit des Automobils allerdings sehr dünn.

Gab es bei der Recherche unerwartete Ergebnisse?

Röhrig: Ich war überrascht, dass in der Völklinger Zeitung bereits 1906 so genannte Automobilomnibusfahrten zwischen Ludweiler und Völklingen angekündigt wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg fuhren dann vermehrt Taxis in Völklingen. Die meisten standen am Bahnhof, man konnte sie sogar telefonisch anfordern. Die Fahrten waren aber noch sehr teuer.

Wie hat sich der Autoverkehr danach entwickelt?

Röhrig: In der Zwischenkriegszeit war das Auto noch ein Privileg wohlhabender Gruppen, oder es wurde für gewerbliche Zwecke eingesetzt. Die Massenmotorisierung erfolgte ab Ende der 1950er Jahre. 1958 waren in Völklingen 1100 Personenwagen gemeldet, bis 1971 stieg die Zahl auf über 8300 Wagen, bis 1979 auf 15 000. Schon Ende der 50er Jahre berichtete die Presse über Autoschlangen auf den Straßen.

Es wurde zu eng für die vielen Fahrzeuge.

Röhrig: Ja, die Stadt sollte daher autogerecht umgebaut werden. Über den Weg dorthin herrschte Konsens: Man wollte mehr Platz schaffen. Überlegungen zum Bau einer Südtangente durch die Innenstadt hatten ihren Ursprung schon in den späten 50er Jahren, die Rosseltalbrücke wurde Ende der 60er Jahre gebaut.

Über Luftverschmutzung, Lärmbelastung oder Naturschutz wurde damals noch nicht diskutiert?

Röhrig: Kaum, kritische Stimmen gab es höchstens von ein paar Anwohnern. Die Finanzen waren aber schon Thema. Bereits in den 60er Jahren gab es Einbrüche bei der Gewerbesteuer. Der Bund bezuschusste die Straßenbauprojekte kräftig.

Konnten Sie herausfinden, wer der erste Autobesitzer in Völklingen war?

Röhrig: Vermutlich war es Hermann Röchling. Belegt ist, dass er 1903 ein Auto erwarb. In der Folgezeit legte er sich mehrere Wagen zu. 1907 beantragte der Unternehmer bei der Bürgermeisterei ein Kennzeichen für eine Mercedes-Limousine mit 45 PS.

 Völklingens Stadtarchivar Michael  Röhrig   Archivfoto:  Uwe Grieger/  Stadt Völklingen
Völklingens Stadtarchivar Michael Röhrig Archivfoto: Uwe Grieger/ Stadt Völklingen FOTO: Uwe Grieger/ Stadt Völklingen