| 20:45 Uhr

Stadtrat entscheidet am Donnerstag
Völklinger Rathaus: Rückzug von den Abriss-Plänen

Keine Alternative mehr: das Doppelgebäude mit früherem Saarstahl-Casino und früherer Röchling-Bank in der Rathausstraße.
Keine Alternative mehr: das Doppelgebäude mit früherem Saarstahl-Casino und früherer Röchling-Bank in der Rathausstraße. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Kurswechsel: Die neue Verwaltungsspitze will den Turmaufbau des Neuen Rathauses stehen lassen und das Gebäude komplett sanieren. Von Bernhard Geber

Klaus Lorig (CDU) ließ bereits die Abriss-Fanfaren für das Neue Rathaus tönen. Der Turmaufbau sollte komplett verschwinden. Der Großteil der Mitarbeiter inklusive Bürgerbüro sollte in zwei Neuerwerbungen in der Rathausstraße einziehen: das ehemalige Saarstahl-Casino und die frühere Röchling-Bank. Die Stadt hatte diese seit langen Jahren leerstehenden Immobilien im Jahr 2016 für insgesamt rund 400 000 Euro gekauft.


Die neue Verwaltungsspitze mit Oberbürgermeisterin Christiane Blatt (SPD) und Bürgermeister Christof Sellen (CDU) bläst nun zum Rückzug vom Projekt Rathausstraße. Sie will jetzt das Neue Rathaus samt Turm komplett sanieren. Die Baumaßnahmen sollen von Etage zu Etage voranschreiten, während der Dienstbetrieb weiterläuft. Dies geht aus einer Beschlussvorlage hervor, die dem Stadtrat für seine öffentliche Sitzung an diesem Donnerstag (17.30 Uhr, Neues Rathaus, Großer Saal) vorliegt.

Grund für den Kurswechsel: eine derartige Sanierung des Neuen Rathauses gilt mittlerweile als die günstigste aller Möglichkeiten. Sie wird aktuell auf Kosten von 12 569 000 Euro geschätzt. Ein Gutachten der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Saar hatte im September 2015 für eine Gesamtsanierung noch 23 Millionen Euro in den Raum gestellt. Da war die Erneuerung der Fassade einbegriffen.



Die Stadtverwaltung forderte dann eine Begutachtung der Fassade an. Im August 2017 lieferte die LEG das Ergebnis. Sie kam zu dem Schluss, „technisch und funktional“ sei die Fassade „in einem sehr guten Zustand. Sie sei – abgesehen von den Lamellenraffstores – „für mindestens weitere 20 Jahre funktions- und gebrauchstauglich“.

Mit dieser Feststellung geriet die früher favorisierte Lösung in der Rathausstraße klar ins Hintertreffen. Da sagen die Fachleute im Rathaus, ebenfalls gestützt auf ein Gutachten der LEG, Gesamtkosten von 26 812 208 Euro voraus. Die setzen sich zusammen aus den nötigen Umbauten an beiden Häusern in der Rathausstraße und im Umfeld (14 501 544 Euro) und aus dem, was der Abbruch des Rathausturmes und die Sanierung des dann verbleibenden Flachbaus am Neuen Rathaus kosten könnte, nämlich 12 310 664 Euro.

Nun soll also das Neue Rathaus in Schuss gebracht werden. Es wäre auch denkbar gewesen, das Haus während der Bauphase komplett zu räumen. Doch dann müsste die komplette Verwaltung in der Zwischenzeit anderweitig untergebracht werden. Die Mehrkosten bei einer solchen Lösung werden auf mehrere Millionen Euro geschätzt.

Der Sanierungszwang im Neuen Rathaus ergibt sich zum großen Teil auch aus schärfer gewordenen Brandschutzbestimmungen. Doch schon früher hatte Völklingen mit seinem Neuen Rathaus, erst 1970 bezogen, wenig Glück gehabt. Einige Beispiele: Schon 1991 mussten die vorgehängten Fassadenbleche und die Verglasung ausgetauscht werden (rund 1,5 Millionen Euro). Nach einem Wasserschaden wurde 1995 die Aufzugsanlage erneuert (400 000 Euro). Anschließend wurden Brandschutztüren, Asbestentsorgung und neue Versorgungsleitungen fällig. 2005 wurden die insgesamt fünf Klimaanlagen in dem Haus erneuert (zwei Millionen Euro). Rund 250 Mitarbeiter sind auf das Funktionieren dieser Anlagen angewiesen, weil sich im Neuen Rathaus kein einziges Fenster öffnen lässt. In einer Stadtratssitzung im Juli 2016 hörte man dann die Nachricht, dass sich Legionellen, sprich gefährliche Bakterien, im Kühlkreislauf befänden – also erneut Sanierungsbedarf. Drei Jahre zuvor hatte die Stadt bereits über drei Millionen Euro in die Sanierung und Modernisierung des Ratssaales und seines Umfeldes gesteckt.

Die Verwaltung soll also im Neuen Rathaus bleiben. Was mit dem Ex-Casino und der früheren Röchling-Bank geschieht, ist völlig unklar. Diese beiden Leerstände, zwischen 1954 und 1960 erbaut, umfassen jeweils sieben Geschosse. Hinzu kommen zur Straße Am Hauptbahnhof hin verlaufende Seitenflügel. Schon bei einer Besichtigung des Casino-Gebäudes im September 2016 erhielten die Stadtratsmitglieder vorsorglich Atemschutzmasken. Die Bausubstanz dürfte im Laufe der Zeit nicht besser werden.

Der Turmaufbau am Neuen Rathaus soll nun stehen bleiben.
Der Turmaufbau am Neuen Rathaus soll nun stehen bleiben. FOTO: BeckerBredel