Städtepartnerschaft: Verwaltungsluft beim Partner schnuppern

Städtepartnerschaft : Verwaltungsluft beim Partner schnuppern

Die Partnerstädte Forbach und Völklingen wollen den Austausch von städtischem Personal fördern. Auch die Zusammenarbeit der Wirtschaftsverbände soll ausgebaut werden.

Große Freundschaft erhält man auch durch kleine Gesten. Und so bekam Forbachs Bürgermeister Laurent Kalinowski (PS) noch vor der gemeinsamen Stadtratssitzung von Forbach und Völklingen ein Geburtstagsgeschenk überreicht. Mitgebracht hatte es sein Völklinger Kollege, Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU). Da die Frankreich-Strategie noch nicht bei allen Völklinger Stadträten greift, kam das Geburtstagsständchen dazu vom Herzen, dennoch auf Englisch.

Doch bei der nächsten gemeinsamen Stadtratssitzung in zwei Jahren könnte es schon ganz anders klingeln. Denn die Verwaltungen beider Städte wollen ihren Austausch enger betreiben. Am Donnerstag brachten die Räte ein Austauschprogramm für städtisches Personal auf dem Weg. Demnach sollen Auszubildende der Stadtverwaltung ein ein- bis mehrwöchiges Praktikum bei den Nachbarn absolvieren. Das Ziel: Die Städtepartnerschaft zwischen Forbach und Völklingen durch persönliche Verbindungen untermauern, um vielleicht auch neue Projekte zwischen den Fachabteilungen zu initiieren.

„Es geht hier nicht nur um die Sprachkenntnisse, sondern auch darum zu verstehen, wie Verwaltung im Nachbarland überhaupt organisiert ist und wie das öffentliche Leben funktioniert“, sagte Klaus Lorig. Auf deutscher Seite fehle dies noch an der Verwaltungsschule. Mittelfristig solle das Programm nicht nur Azubis, sondern auch bereits ausgelernten Kräften auf freiwilliger Basis angeboten werden. Dafür stimmten alle Anwesenden. Außer Lorig selbst, der für die französischen Kollegen erklären musste: „Nicht wundern. Im Gegensatz zu Frankreich ist in Deutschland der Bürgermeister nicht berechtigt abzustimmen.“

Obwohl der Beschluss einstimmig angenommen wurde, muss er noch durch die jeweiligen Räte erneut abgesegnet werden. Die gemeinsame Stadtratssitzung, die alle zwei Jahre abwechselnd in Forbach und Völklingen stattfindet, hat eher einen symbolischen Charakter, ermöglicht aber gemeinsame Absichtserklärungen. Denn die Partnerstädte durchleben auch eine vergleichbare Entwicklung. Beide sind mit einer alternden Bevölkerung und hohen Leerständen konfrontiert. Beide befinden sich im Einzugsraum von Saarbrücken und dennoch nicht im „europäischen Speckgürtel“, wie Lorig die Achse London-Frankfurt betitelte.

Und die Konkurrenz für die Geschäfte der jeweiligen Innenstädte schläft nicht. In Farébersviller – zehn Kilometer von Forbach und knapp 25 Kilometer von Völklingen entfernt – entsteht ein Mega-Einkaufzentrum. Wie die Nachbarstadt damit umgeht, wollten mehrere Mitglieder des Völklinger Stadtrat von Laurent Kalinowski wissen. Dieser gab sich kämpferisch. Es gehe nicht darum, Mitbewerber zu sein, sondern etwas anderes anzubieten

In Forbach läuft zurzeit eine Studie, die Ansatzpunkte liefern soll, wie der Stadtkern aufgewertet werden kann. „Bei diesem gemeinsamen Projekt von der öffentlicher Hand und privaten Partnern geht es um eine ganzheitliche Vision“, sagte Forbachs Rathauschef. Auf die Mietpreise der Ladenfläche in der Innenstadt habe er keinen Einfluss. „Doch man kann den Immobilienbesitzern zum Beispiel finanzielle Anreize für Renovierungsarbeiten in Aussicht stellen.“ Viele Gebäude seien marode, da müsste man überlegen, ob die Sanierung sich lohne oder man sie eher abreißen lässt, um Platz für Grünflächen zu schaffen. Auch im Bereich Mobilität könne die Stadt den Zugang zum Stadtkern verbessern. Gibt es genug Taxistände und Fahrradwege? Um solche Fragen gehe es auch im Gutachten. Was dabei raus kommt, könnte auch für Völklingen interessant sein, denn „beide Städte haben auch mit dem Image als ehemalige Bergbaustadt zu kämpfen“, beschrieb Kalinowski. Sie müssten nun ein neues, modernes Gesicht zeigen.

Um gemeinsam neue Ansätze auszuloten, die Geschäftsleuten aus beiden Städten zugute kommen, soll der Austausch der Wirtschaftsverbände ausgebaut werden. „Forbach und Völklingen werden diesen die Möglichkeit zu organisierten Treffen anbieten, in denen sie untereinander in Kontakt treten können“, heißt es im Beschluss, den ebenso einstimmig angenommen wurden. Durch diese Plattform sollen Gewerbebetreibende direkt nützliche Kontakte für ihre jeweiligen Aktivitäten knüpfen können.

Welche Vorteile Unternehmen aus der Grenzlage ziehen können, konnten die Mitglieder beider Stadträte im Vorfeld ihrer gemeinsamen Sitzung sehen. Sie waren zu Gast im Gründerzentrum Eurodev. Unter der Leitung von Laurent Damiani werden hier nicht nur Franzosen mit ihrer Geschäftsidee bei ihren ersten Schritten in der Selbstständigkeit begleitet. Auch deutsche Firmen nutzen diese Plattform, um ihre Aktivitäten nach Frankreich zu starten beziehungsweise auszuweiten. So wie der Aus- und Weiterbildungsträger Tüv Nord Bildung Saar, der auch in Völklingen ansässig ist.

Vor knapp zehn Jahren gründete er im Rahmen von Eurodev die Tochterfirma „Formation SaarLor“ und konnte dadurch große Kunden gewinnen, vor allem Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland und Standorten in Frankreich wie zum Beispiel die Automarke Smart.

Die Forbacher Innenstadt am Samstag (01.07.2017) Überall kann man leerstehende Geschäfte sehen. Im Bild: Geschäftsräume in der Avenue Saint-Rémy. Foto: BeckerBredel. Foto: BeckerBredel
Klaus Lorig Foto: Becker&Bredel. Foto: BeckerBredel
Laurent Kalinowski Foto: O.  Dietze/dpa . Foto: dpa/Oliver Dietze
Laurent Damiani Foto: Rich Serra. Foto: Foto © Rich Serra - www.rich-se/Rich Serra
Nur vereinzelt sind Passanten in den Gassen und Straßen unterwegs. . Foto: BeckerBredel

Die bestehende Kooperation mit dem Starterzentrum an der Saar-Uni in Saarbrücken würde Laurent Damiani gerne um eine erweitern – nämlich mit dem Gewerbe- und Technologiezentrum in Völklingen.

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