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Kolumne So kann’s gehen
Verhängnisvolle Begegnung

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Nicht jedes Wiedersehen ist willkommen. Manche Zufalls-Treffen bringen einen einfach in Verlegenheit. Was tut man dann bloß, um peinliche Nicht-Gespräche zu vermeiden? Von Nina Drokur

Es ist ein kühler Wintertag. Auch etwas stürmisch. Die Hände tief in den Jackentaschen vergraben, bummelt eine junge Frau über Pflastersteine entlang der Schaufenster. Eine kalte Brise weht ihr die blonden Haare ins Gesicht. Als sie mit dem Zeigefinger die Strähne von ihren Augen streicht, trifft ihr Blick auf die bezaubernden braunen Augen eines jungen Mannes. Verlegen schauen beide zu Boden. Gehen mit etwas Herzklopfen weiter aufeinander zu. Die Zeit scheint plötzlich langsamer zu laufen. Nur leider ist es keine Szene aus der Verfilmung eines billigen Groschenromans. Im Hintergrund läuft auch nicht „Chariots of Fire“.



Ich bin in meiner Studentenstadt Trier unterwegs und stolpere unerwartet in eine dieser unangenehmen Situationen, die sicherlich jeder kennt: Man trifft diesen entfernten Bekannten, den man einfach nicht treffen will. Man hat sich vielleicht auf einer Party kennengelernt, nachdem die quasi schon vorbei war, oder war mal in einem Seminar im ersten Semester für zwei Sitzungen Banknachbarn. Thomas, Thorsten? Ich weiß es nicht mehr. Soll ich grüßen? Weiß Torben eigentlich noch, wer ich bin? Oder wirke ich auf Tobias wie ein Psychopath, wenn ich mich an diese kurze Begegnung von vor etlichen Jahren tatsächlich noch erinnere? Und was, wenn er stehen bleibt? Über was reden wir dann bloß?

Die Spannung ist unerträglich. Die Wollmütze fängt die Schweißperlen auf. Ich tue, was jeder vernünftige Mensch in meinem Alter tun würde: Ich greife zum Smartphone. Wähle hastig blind die erstbeste Nummer. „ADAC Pannennotruf?“… Mist.