Unterwegs in der Stille der Nacht

Nicht nur Gebäude prägen das Gesicht einer Stadt. Sondern mehr noch die Menschen, die in ihr leben und arbeiten. Zu ihnen gehört Stefan Kreis, der Völklingen von seiner nächtlichen Seite bestens kennt – denn er ist vor Tau und Tag als Zeitungszusteller unterwegs.

Dichterfürst hin, Geheimrat her, egal. Wir müssen mal eben klassische Verse ein bisschen missbrauchen: "Wer eilt so spät durch Nacht und Wind? Das ist Herr Kreis. Der bringt die Print." Stefan Kreis (46) ist nämlich Zeitungsbote und bringt Nacht für Nacht die druckfrische Ausgabe der Saarbrücker Zeitung zu den Abonnenten in Fenne und Teilen von Luisenthal und Fürstenhausen. Als wir ihm unsere wunderbaren Verse vortragen, lacht er und sagt: "Ich mache den Job ja schon recht lange, und der Erlkönig und die anderen Nachtgestalten wissen genau, dass ich immer Pfefferspray dabei habe."

Als Kreis vor zehn Jahren begann, Zeitungen auszutragen, war das für ihn zunächst nur eine berufliche Notlösung. Eigentlich wollte der 36-Jährige bei der Bundeswehr bleiben. Aber nach neun Jahren Dienstzeit gab man ihm zu verstehen, dass er, der Elektroinstallateurmeister mit Zusatzqualifikation Techniker, zwar ein sehr guter Fachmann sei, dass seine Stelle aber eigentlich doch für einen Jüngeren vorgesehen sei. Diese bittere Erfahrung sollte sich in seinem Zivilleben wiederholen. Voll Zuversicht bewarb er sich bei zahlreichen Firmen, aber die Absagen kamen mit immer ähnlich lautenden Begründungen: leider überqualifiziert, leider ohne Ausbildung im Groß- und Einzelhandel, leider schon an jüngere Bewerber vergeben. Auch sein Angebot, sich mit Fortbildung auf den aktuellen Stand zu bringen, wurde nicht akzeptiert. "Ich höre immer wieder, dass wir Fachkräftemangel haben und deshalb massenhaft Zuzug von Einwanderern brauchen", sagt er, "aber ich wurde wegen meines Greisenalters nicht gebraucht."

Also trug er Zeitungen aus. "Die Umstellung war schwierig", erinnert er sich, "vor allem wegen der Arbeitszeit." Die ist nämlich so: Gegen Mitternacht holt er an der vereinbarten Stelle die Zeitungspakete ab, bis spätestens sechs Uhr muss jeder Abonnent beliefert sein. Dann, nach einem kurzen Frühstück, sortiert und verteilt Kreis die Briefpost des Zustellunternehmens saarriva. Der Feierabend beginnt gegen Mittag und dauert bis zum frühen Abend; dann ist für Stefan Kreis Schlafenszeit, bis kurz nach 23 Uhr.

"Ich habe mich an diesen Rhythmus gewöhnt, und ich fühle mich wohl dabei", sagt er, "und durch die Bewegung an der frischen Luft war ich noch nie krank in den zehn Jahren." Nachmittags und vor allem samstags trifft er sich gelegentlich mit Freunden, denn es ist schwer, die sozialen Kontakte zu halten. Richtig entspannen kann er sich aber auch bei seinem Hobby, seiner 20-köpfigen Hühnerzucht. "Das ist eine Idylle, die mir gut tut - und meinen Hühnern auch, denn den Kochtopf müssen sie nicht fürchten."

Weit über 3000 Mal war er inzwischen nachts unterwegs, und Pfefferspray war immer dabei. Danach tastet er aber nur, wenn er in den menschenleeren Straßen ein leises Grunzen hört. "In letzter Zeit sind mir kaum noch Wildschweine begegnet", berichtet er. So ganz alleine ist er aber doch nicht. "Manchmal grüßt mich ein einsamer Raucher, der nicht schlafen kann, vom Fenster aus, oder ein Frühaufsteher steht schon an der Tür, um seine Zeitung in Empfang zu nehmen. Ich mag diese Stille nachts, da stören mich weder Wind noch Wetter noch Erlkönige."