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Kolumne
Inka Bause fällt vom Rad

FOTO: SZ / Robby Lorenz
In Wartezimmern kann man sonderbare Dinge lernen. Zum Beispiel Details über das Leben von B-Promis. Oder die Vokabel „Thrombosesocke“. Von Marc Prams

Es ist der ranzige Ballsaal der Gepeinigten, die rostige Ersatzbank der Leidenden, die runtergekommene Abflughalle der Lädierten, der Ort, an dem Pein und Unbehagen sich auf die Schulter klopfen und Trübsal die Polonaise beim Trauermarsch anführt: das Wartezimmer.


Die Hoffnung, dieser Kammer, die immer irgendwie nach Halsschmerzen, Bauchweh, Pflaster und China-Öl müffelt, beim Arztbesuch zu entkommen, wird stets mit sechs Worten zerstört: „Nehmen Sie bitte noch kurz Platz.“ Und das tut man dann ja. Schließlich ist hier auch der Vorhof zum ersehnten Retter, der endlich für Linderung und Behaglichkeit sorgen soll. Aber „kurz“ ist leider meist sehr lange. Also sitzt man dann da rum und greift zur längst vergilbten, schmierig-knastigen, durch eine Million Hände und zwei Millionen Bakterien gewanderten „Neuen Post“, die vor vier Monaten mal neu war und einem verrät, dass die Eheprobleme zwischen Tony Marschall und seiner Frau vermutlich was mit dem Fahrradunfall von Inka Bause auf Sylt zu tun haben.

Spontane Selbstentzündung wäre jetzt eine echte Alternative. Schlimmer kann es nicht kommen. Aber es kommt schlimmer. Denn hier, wo Schweigen der einzige gemeinsame Nenner und per Gesetz vorgeschrieben sein sollte, betritt er den Raum: der irgendwie Bekannte, den man von irgendwoher so halb kennt, Jahre nicht gesehen hat und überhaupt eigentlich nie leiden konnte. Ein Spinner halt. Der schmiedet in dieser Herde der Heilsuchenden dann sofort Allianz mit einem und fragt in Stadion-Südkurve-Lautstärke über vier Sitze hinweg: „Haschn du geschafft?“ Es braucht keine Antwort, denn jetzt folgt ein Monolog über die Leidensgeschichte dieses „Bekannten“, wobei Begriffe wie Wundbrand, Thrombosesocken und Venenkatheter durch die Luft fliegen wie Lutscher an Rosenmontag.



Aus dieser Sackgasse der Fremdscham gibt es kein Entkommen. Bis endlich die schönsten Worte erklingen, die hier erklingen können: „Der Nächste, bitte.“