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Ansprechpartner für Schüler und Kollegen
Sie helfen bei Attacken übers Internet

Patrick Seekatz (links) und Jörn Riemenschneider, Lehrer und Krisenhelfer, beim Gesprach in der SZ-Redaktion Völklingen.
Patrick Seekatz (links) und Jörn Riemenschneider, Lehrer und Krisenhelfer, beim Gesprach in der SZ-Redaktion Völklingen. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Mobbing bei jungen Leuten findet heute zunehmend über das Internet statt. An der Gemeinschaftsschule am Sonnenhügel gibt es nun ein eigenes Krisenteam. Von Bernhard Geber

Mobbing unter Schülern gab’s schon immer. Doch mit Internet, Facebook, WhatsApp & Co. hat es eine neue Dimension erhalten. Mit Schmähungen, Beleidigungen und Drohungen ist nun nicht mehr nach Schulschluss Schluss. Angriffe aus dem Netz können Kinder bis in die späte Nacht verfolgen, berichten Patrick Seekatz und Jörn Riemenschneider bei einem Gespräch in der SZ-Redaktion Völk­lingen. Die beiden sind Lehrer an der Völklinger Gemeinschaftsschule am Sonnenhügel und  bilden zusammen mit einer Kollegin, der Sozialarbeiterin Daniela Müller, ein neu geschaffenes schulisches Interventionsteam.


Rund 570 junge Leute im Alter von 10 bis 17 Jahren werden derzeit am Sonnenhügel unterrichtet. Wie Seekatz und Riemenschneider sagen, wird dort seit langem auch schon darauf geachtet, wie es den Mädchen und Jungen persönlich geht. Bei Sorgen können sie ihre Klassenlehrer, die Vertrauenslehrer, die Schulsozialarbeiterinnen ansprechen. Und auch bei Schulleiterin Gisela Bodamer („das tun viele“) ihr Herz ausschütten.

Doch man hat nun eine neue Herausforderung wahrgenommen: Mobbing, das unter dem Deckmantel des Internets ( „also nicht mehr offen und direkt ins Gesicht“)   geschieht. Und deshalb besuchten Daniela Müller, Seekatz und Riemenschneider einen mehrtägigen Fortbildungskurs beim Landes­institut für präventives Handeln (LPH) in St. Ingbert. Die Erkenntnisse, die sie dort gewonnen haben, gaben sie bei einem pädagogischen Tag an ihre Kolleginnen  und Kollegen an der Schule weiter. Und nun hat der Sonnenhügel – übrigens als erste Schule im Saarland –   das offizielle Zertifikat „Schule gegen Cybermobbing“ erhalten.



Kinder, die gemobbt werden, offenbaren sich in der Regel nicht gerne selbst. Wobei die Intensität so weit gehen kann, „dass über 300 Mal nachts das Handy klingelt“, wissen Seekatz und Riemenschneider. So sehr könne sich eine WhatsApp-Gruppe, die einmal jemand gegründet hat, über Mitläufer vervielfältigen. Die Folgen eines solchen Beschusses könnten von Schulangst („nur noch mit Bauchweh zum Unterricht“) bis letztlich hin zum Selbstmord reichen. Da sollten Lehrpersonen mögliche Anzeichen beachten wie zum Beispiel, „wenn ein Kind oft alleine steht, die Noten schlechter werden, Spitznamen gerufen werden“. Und dann das Kind behutsam darauf ansprechen. Alles Folgende solle dann nur im Einverständnis mit dem betreffenden Kind geschehen.

Ein möglicher Ablauf einer CyberMobbing-Intervention: „Wir hängen es nicht direkt an die große Glocke. Wir reden mit dem Kind, mit seinen Lehrern und den Mitschülern. Wir bemühen uns, den Anfangstäter herauszufinden. Wir bauen dann eine Unterstützergruppe auf. In der dann womöglich auch, ohne dies direkt anzusprechen, der Täter sitzt.“ Dort wird dann diskutiert unter Fragestellungen wie „Habt ihr mitbekommen, was da passiert?“ und „Was kann man tun, damit es dem Kind wieder besser geht?“.

Wenn das nicht hilft, wird man den Täter direkt  ansprechen. Zunächst werden Fakten gesammelt, zum Beispiel der entsprechende Chatverlauf dokumentiert. Dann nimmt man sich den Betreffenden persönlich vor und konfrontiert ihn mit dem Sachverhalt: „Ausreden gibt es da nicht“. Dann gibt man ihm die Chance, „die Angelegenheit noch im Guten zu lösen“.   Wenn das Mobbing dann doch nicht endet, zeigt man dem Täter die Konsequenzen auf. Das sind pädagogische Maßnahmen und Ordnungsmaßnahmen vom Klassenwechsel bis hin zum Ausschluss von der Schule. Für Täter ab 14 Jahren kann es noch ernstere Folgen haben. „Drohung, Verleumdung und Erpressung sind dann auch Straftatbestände für die Polizei“, sagen Seekatz und Riemenschneider.

Als Auslöser für Mobbing unter Schülern gilt übrigens vorwiegend Langeweile und nicht die Absicht, jemand aus persönlichen Gründen etwas heimzuzahlen. Zur Zielscheibe kann man schon werden, „wenn man angeblich falsche Klamotten trägt, schlechte Noten oder auch umgekehrt tolle Noten hat“. Fälle mit richtig schlimmen Konsequenzen haben Seekatz und Riemenschneider an der Schule am Sonnenhügel noch nicht erlebt. Doch nun ist man jedenfalls darauf vorbereitet, mit Cyber-Mobbing professionell umzugehen.

Die Team-Kollegin, Sozialarbeiterin Daniela Müller.
Die Team-Kollegin, Sozialarbeiterin Daniela Müller. FOTO: BeckerBredel