Schüler erinnern in Völklingen an Opfer der Nazi-Diktatur

Kostenpflichtiger Inhalt: Stolpersteine werden gereinigt : Völklinger Schüler erinnern an Opfer der Nazi-Diktatur

Siebtklässler des Albert-Einstein-Gymnasiums haben den Stolperstein gereinigt, der an den früheren jüdischen Schüler Fritz Lieser erinnert. Die Nazis ermorderten ihn in Auschwitz.

Es ist kalt am Dienstagmorgen, als die Siebtklässler vor den Haupteingang des Albert-Einstein-Gymnasiums in Völklingen treten. Aber warum hat Religionslehrer Reimund Franz einen Putzeimer dabei? Das wird schnell klar: Der Lehrer und seine Kollegin Silvia Brandt versammeln sich mit den Schülern um den Stolperstein, der an den Juden Fritz Lieser erinnert, der auf diese Schule ging. Auf der Messingtafel steht: „Hier lernte Fritz Lieser, Jahrgang 1915, Flucht 1935 Frankreich, verhaftet 1942, interniert Drancy, deportiert 1942, Auschwitz, ermordet 17.11.1942“.

Maximilian Bachmann und Julia Petri reinigen den Stolperstein vor dem Albert-Einstein-Gymnasium in Völklingen. Foto: Einstein-Gymnasium. Foto: Einstein-Gymnasium Völklingen

Franz wollte von den Schülern wissen, warum diese kleine Messingtafel denn Stolperstein heißt. Damit man drüber stolpert, sagte ein Junge. Franz erklärte, dass man nicht wirklich drüber stolpern soll. Die Passanten sollten aber merken: „Da blinkt ja was.“ Sie sollen irritiert sein und sich leicht beugen, um die Inschrift zu lesen. „Damit verneigen sie sich vor den Opfern. Die Stolpersteine sind ein Zeichen der Erinnerung und der Ehrung“, sagte Franz. Über 70 000 gebe es in 20 Ländern. Initiator der Stolpersteine war der Künstler Gunter Demnig. Franz erzählte den Schülern, dass die Eltern von Fritz ein Textilgeschäft in der Völklinger Poststraße hatten. 1935 flohen sie vor den Nazis nach Frankreich. Während Fritz dem Nazi-Terror zum Opfer fiel, überlebten die Eltern und kehrten nach dem Krieg wieder nach Völklingen zurück.

Dann durften zwei Schüler zur Tat schreiten und den Stolperstein vor dem Haupteingang reinigen. Ein Mädchen hielt eine Rose in der Hand, die sie nach der Aktion neben den Stolperstein legte. Franz rief die Schüler anschließend zu einer Schweigeminute auf, und es wurde mucksmäuschenstill. Nur die Autos auf der Straße waren noch zu hören. Er nahm seine Mütze ab und sagte: „Es ist wichtig, dass wir innehalten.“ Das taten die Schüler auch. Anschließend gingen sie mit den Lehrern wieder ins Schulhaus. Der Stolperstein für Fritz Lieser glänzt jetzt wieder.

Bereits am Samstag, 9. November, hatte das „Völklinger Aktionsbündnis“ in der Innenstadt die Stolpersteine gereinigt. Insgesamt gibt es 27 in der Stadt, erklärt Caroline Conrad vom Aktionsbündnis. Sie erinnern neben den früheren jüdischen Mitbürgern an Widerstandskämpfer und einen behinderten Jungen. Eine Stolperschwelle vor dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte erinnert an die Zwangsarbeiter  und Zwangsarbeiterinnen, die bei den damaligen Röchling’schen Eisen- und Stahlwerken durch Gewalt, Hunger oder Krankheit starben.

Conrad: „Alle Stolpersteine und auch die Schwelle reinigen Mitglieder unseres Aktionsbündnisses jedes Jahr in zeitlicher Nähe zum 9. November (Reichspogromnacht), wobei wir unterstützt werden vom SPD-Ortsverein Lauterbach, der die dortigen Steine putzt, vom Gymnasium und einem KFZ-Betrieb, der als ‚Pate’ für den Stolperstein von Fredi Wiedersporn in der Saarstraße fungiert.“ Der Junge hatte eine Lernbehinderung, die Nazis ermordeten ihn. Derzeit verwahre die Firma den Stolperstein in ihrer Werkstatt, weil die Verlegestelle im Bürgersteig vorübergehend wegen Bauarbeiten blockiert sei.

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