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Schritt für Schritt ins normale Leben

Schritt für Schritt ins normale Leben

Völklingen/Heusweiler. Neben Rentner Günter Merten (64) begrüßen Pudel Snoopy und West Highland Terrier Daisy den Reporter an der Haustür. Dem freundlichen Empfang folgt die Einladung zum Kaffee: Im Wohnzimmer sitzt Ehepaar Merten mit den Gästen Annette G. (47) und Marie Louise M. (61) am Frühstückstisch

Völklingen/Heusweiler. Neben Rentner Günter Merten (64) begrüßen Pudel Snoopy und West Highland Terrier Daisy den Reporter an der Haustür. Dem freundlichen Empfang folgt die Einladung zum Kaffee: Im Wohnzimmer sitzt Ehepaar Merten mit den Gästen Annette G. (47) und Marie Louise M. (61) am Frühstückstisch. Ebenfalls mit in der gemütlichen Runde: Rita Klug vom Zentrum für Psychiatrische Familienpflege in Völklingen. Die Fachpflegerin betreut das Quartett im Rahmen des "Begleiteten Wohnens in Familien". Der Grundgedanke der Eingliederungshilfe: Psychisch Kranke, deren akute Krankheitsphase abgeklungen ist, die aber noch Unterstützung brauchen, werden in Gastfamilien vermittelt. Die Atmosphäre in der Obersalbacher Dorfstraße ist locker und entspannt. Annette G. und Günter Merten rauchen auf dem Balkon eine Zigarette, Marie Louise M. macht es sich in ihrem Lieblingssessel gemütlich. Ihr zu Füßen döst Bonnie. Der 15-jährige Golden Retriever lässt sich auf seine alten Tage von nichts mehr aus der Ruhe bringen. "Bei uns wird viel gelacht", betont Eva Merten (61). Neben dem Ehepaar und den beiden Gästen leben noch zwei Töchter und zwei Enkel unter einem Dach. Im Dezember 2006 begann Eva Merten, ihren Vater intensiv zu pflegen. Als er gestorben war, vermittelte die Heusweiler Sozialstation den Kontakt zur Psychiatrischen Familienpflege. "Es macht uns sehr viel Spaß", versichert die Gastgeberin. Marie Louise M. zog im Oktober 2008 ein, Annette G. folgte im April 2009. Die beiden Frauen lebten vorher in betreuten Wohngruppen. Während des Probewohnens zeigte sich schnell, dass die Chemie stimmt. "Ich fühle mich hier sehr wohl, einer ist für den anderen da", betont Annette G. Die Gäste werden liebevoll betreut, packen aber auch selbst mit an. Sie helfen beim Abwasch, kochen Kaffee, kümmern sich um die Hunde. Und wenn Hausherrin Merten mal krank ist, wird sie von den beiden Damen verwöhnt. Natürlich hat jeder Gast ein eigenes Zimmer, in das er sich zurückziehen kann. Aber vieles wird gemeinsam gemacht. Täglich unterhält man sich beim Mittagessen, und bei Ausflügen sind die Gäste ebenfalls oft mit von der Partie. Am liebsten hätten die Mertens ihre Schützlinge auch noch mit in den Urlaub genommen. Doch Betreuerin Klug konnte das Paar überzeugen, sich alleine eine Auszeit zu gönnen. Während der Reise nach Südfrankreich kümmerte sich die Tochter um die beiden Damen. "Es war schön, aber wir waren auch froh, wieder nach Hause zu kommen", erzählen die Eheleute. Als sie nachts um zwei Uhr in Obersalbach eintrafen, wurden sie schon an der Haustür von ihren Gästen empfangen. Marie Louise M. wird wohl bei den Mertens alt werden. Ihre Mitbewohnerin hat aber noch Pläne. "Ich will irgendwann wieder in einer eigenen Wohnung leben", sagt Annette G. Mit Familie Merten möchte sie auch dann in Kontakt bleiben. Schritt für Schritt soll sie nun an die Selbständigkeit herangeführt werden. Die Chancen, dass es klappt, stehen nicht schlecht. "Wir lassen uns Zeit", erklärt Betreuerin Rita Klug. Die erste Übung wurde bereits vereinbart: Demnächst will Annette G. wieder lernen, alleine mit dem Bus zu fahren.

 Familienpflege in Obersalbach: Das Ehepaar Günther (li.) und Eva Merten (re.) kümmert sich um Annette G. (2.v.li.) und Marie-Luise M., Pudel Snoopy ist wie immer dabei. Foto: Andreas Engel
Familienpflege in Obersalbach: Das Ehepaar Günther (li.) und Eva Merten (re.) kümmert sich um Annette G. (2.v.li.) und Marie-Luise M., Pudel Snoopy ist wie immer dabei. Foto: Andreas Engel

HintergrundSeit 15 Jahren vermittelt das Völklinger Zentrum für Psychiatrische Familienpflege chronisch psychisch kranke Menschen in Gastfamilien. Die Familien, die ein monatliches Entgelt erhalten, bieten einen strukturierten Tagesablauf und schaffen Geborgenheit. Der krank machende Stress nimmt ab, fast alle Gäste können in regelmäßige Beschäftigung vermittelt werden. Nur noch selten sind Klinikaufenthalte nötig. Manche schaffen nach zwei Jahren wieder den Sprung in die Selbstständigkeit, andere bleiben bis an ihr Lebensende in der Gemeinschaft. tanAuf einen BlickDas"Begleitete Wohnen in Familien" fördert nicht nur die Gesundheit, sondern rechnet sich auch für die öffentlichen Kassen: Die vollstationäre Pflege ist drei Mal so teuer wie die Betreuung in der Familie. Finanziert wird die Eingliederungshilfe über das Landesamt für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz. Seit dem Start im Jahr 1995 wurden 97 psychisch kranke Menschen vermittelt. Zurzeit betreut das fünfköpfige Team 30 Gäste in 24 Familien. Das Zentrum ist den Völklinger SHG-Kliniken angegliedert. Der Einzugsbereich umfasst den Regionalverband Saarbrücken sowie die Landkreise Merzig-Wadern und Saarlouis. Weitere Gastfamilien werden gesucht. Kontakt: Telefon (0 68 98) 12 24 58. tan