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So kann’s gehen
Mein Gott, siehst du heute aber schlecht aus

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Welchen Eindruck mache ich eigentlich auf meine Mitmenschen? Das frage ich mich allmorgendlich, wenn ich ins Büro trete. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

War das eine geniale Nacht! Schon lange hab’ ich nicht mehr so gut gepennt. Putzmunter steh’ ich unter der Dusche, freu’ mich aufs Frühstück, bevor ich motiviert zur Arbeit fahre. Euphorisch betrete ich das Büro. Gut gelaunt brülle ich „Guten Morgen“ durch den Raum. Kollegen drehen sich erschrocken um, blicken mich entsetzt an. „Mein Gott, siehst du heute aber schlecht aus“, lässt mich ein Mitarbeiter bemitleidend wissen. „Wieso nur heute?“, frage ich schnippisch, während ich ihm demonstrativ den Rücken zuwende. Und schlagartig ist meine Freude flöten. Na, das kann ja wieder heiter werden.


Die nächste Nacht: Ich wälze mich hin und her. Mein Bett sieht aus wie ein Schlachtfeld. Ich komme einfach nicht ans Einschlafen. Mache kaum ein Auge zu. Renne aus purer Langeweile unentwegt zum Klo. Habe mir mittlerweile zum zweiten Mal die Zähne geputzt. Einfach so.

Die Zeit schleicht. Halb vier. Ich will zum wiederholten Male den Fernseher anschalten. Nur die vermaledeite Fernbedienung funktioniert nicht. Setze mich auf und hämmere wie ein Besessener wahllos auf den Knöpfen herum. Endlich springt die Flimmerkiste an. Tonlos. Ein Doku-Kanal. Ich belasse es dabei. Hauptsache Ablenkung. Themennacht: die Entstehung des Universums. Eher wohl dessen Zerstörung – binnen einer Dreiviertelstunde haben feuerwalzende Kometen das Leben auf meinem Heimatplaneten zum x-ten Mal ausgelöscht. Kommt meiner Gefühlslage echt nahe.



Ich trotte abermals ins Bad, lasse das Licht aus, um meine bessere Hälfte nicht zu wecken. Ich trete augenblicklich mit dem kleinen Zeh gegen den Türrahmen, brülle sodann wie am Spieß, während ich mich am wegrutschenden Nachttisch festhalte und unter tosendem Poltern mit dem Knie auf den Boden dotze. Das Licht geht an. „Was machste denn für einen Lärm?“, werde ich angeblafft.

Viertel vor sechs: Ich starre auf den Wecker. Noch zehn Minuten, dann dröhnt das Ding ohrenbetäubend. Ich schalte vorzeitig ab, schleppe mich ins Bad. Beim Blick in den Spiegel entdecke ich blutunterlaufene Augen. Muss gehörig aufpassen, dass ich beim Brausen nicht einnicke. Das Frühstück kann mir heute gestohlen bleiben. Kaffee: nur intravenös.

Mit letzten Kräften erreiche ich das Büro. Ich schweige, ignoriere all die Menschen um mich herum. Mein Kollege kommt lächelnd auf mich zu: „Mensch, gut siehste heute aus. Viel besser als gestern.“