Saar-Bürgerinitiative kritisiert Entwicklungen auf Chemieplattform Carling

Kostenpflichtiger Inhalt: Chemieplattform Carling : Ministerium kritisiert Mess-Stations-Abbau

Wegen eines Umbaus soll die Messung von Benzol um das Chemiegelände im lothringischen Carling reduziert werden. Die Bürgerinitiative „Saubere Luft“ und das Umweltministerium kritisieren die Pläne von „Atmo Grand Est“.

Nach Plänen der vom französischen Staat geförderten Organisation Atmo Grand Est soll eine Benzolmessstation auf der Chemieplattform im lothringischen Carling abgebaut werden. Grund dafür seien der Abbau alter Anlagen und Neubauten für zwei weiteren Unternehmen auf dem Gelände.

Das saarländische Umweltministerium kritisierte die Pläne auf der vergangenen Sitzung der Kommission zur Überprüfung der Chemieplattform Carling (commission de suivi de site, kurz CSS). In dem Kontrollgremium sind neben dem Ministerium für Umwelt auch die Stadt Völklingen, die Gemeinde Großrosseln, sowie französiche Behörden vertreten.

Man habe direkt Bedenken gegenüber den Plänen von Atmo Grand Est geäußert, hieß es auf SZ-Anfrage aus dem Umweltministerium. Für die parallel stattfindenden Benzolmessungen im saarländischen Lauterbach würden ansonsten keine Vergleichswerte mehr zur Verfügung stehen, falls dort einmal erhöhte Messwerte registriert würden. Insbesondere der Zwischenfall vom 20. Februar in diesem Jahr, bei dem größere Mengen Benzol in die Umwelt entwichen (wir berichteten), habe gezeigt, „dass außergewöhnliche Benzolwerte noch immer möglich sind“, so Ministeriumssprecherin Sabine Schorr.

Die Bürgerinitiative „Saubere Luft für die Warndtgemeinden“ hatte sich ebenfalls besorgt über die Pläne auf der Industrieplattform direkt hinter der deutsch-französischen Grenze gezeigt. „Wir kritisieren dieses Gedankenspiel aufs Äußerste, wenn es auf französischer Seite bei Störfällen keine unmittelbare staatliche Überwachung des hoch krebserregenden Umweltgifts Benzol geben soll“, teilte Adriano Pitillo, erster Vorsitzender der Initiative, in einer Pressemitteilung mit. Er forderte die saarländische Regierung dazu auf, „sich nicht von der französischen Seite einlullen zu lassen und weiterhin die Gesundheit der saarländischen Bevölkerung im Blick zu haben“.

Die Industrieplattform im lothringischen Saint-Avoid beherbergt zahlreiche verschiedene industrielle Fertigungsstätten, darunter Anlagen der Petrochemie zur Herstellung von Kunststoffen. Benzol bildet dafür eine der essentiellen Grundlagen. Allerdings bildet der organische Kohlenwasserstoff auch leicht entzündliche Dampf-Luft-Gemische, die in höherer Konzentration giftig für Mensch und Tier sind. Seit 2010 gilt deswegen ein europaweiter Grenzwert von fünf Mikrogramm Benzol pro Kubikmeter Luft, der im Jahresmittel nicht überschritten werden darf. Nach Berichten des saarländischen Umweltministeriums war dies in den vergangenen fünf Jahren im Gebiet um die Chemieplattform Carling nie der Fall.

Auch eine Neufassung des externen Notfallplans (PPI) für die Chemieplattform wird von der Bürgerinitiative „Saubere Luft“ kritisiert. Nach den neuen Plänen soll das Saarland nicht mehr im PPI berücksichtigt werden, da es im Zuge der Abschaltung alter Anlagen und des geplanten Neubaus im Störfall zu erheblich geringeren Auswirkungen außerhalb der Anlage kommen würde, hieß auf der letzten CSS-Sitzung. Adriano Pitillo kritisierte die Begründung, als „abenteuerlich“.

„Lauterbach als Ortsteil der Kreis­stadt Völklingen liegt unmittelbar neben Carling und soll nun außerhalb jeglichen Gefahrenbereiches liegen, ebenso wie weite Teile des Warndts? Das sind schon fast ‚trumpsche’ Gedankenspiele und hinterfragt jegliche Vorgehensweise, für die wir jahrelang gekämpft haben“, so der Vorsitzende Pitillo.

Das Umweltministerium merkte dagegen an, dass im Falle einer Störung das saarländische Innenministerium „weiterhin informell benachrichtigt“ würde. Auch würde es weiterhin Benachrichtigungen zu besonderen Ereignissen wie Verpuffungen, ungewöhnlichen Schadstoffkonzentrationen oder zur Auslösung des internen Notfallplans geben, so Sprecherin Schorr. Zudem soll es eine öffentliche Anhörung zur überarbeiteten Version des PPI geben, an der auch das für den Katastrophenschutz zuständige Innenministerium teilnehmen soll. Wann und wo diese stattfinden wird, ist aktuell noch unklar.

Die Kritik seitens Bürgerinitiative und Umweltministerium hat in der Zwischenzeit offenbar Wirkung gezeigt. Wie Atmo Grand Est gegenüber Medienvertretern mitteilte, würde man zunächst nur eine Benzolmessstation abbauen, statt wie ursprünglich geplant zwei.

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