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Verschüttet
Rückhandschwung auf Metaebene

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Es ist immer traurig, wenn der Kaffee kippt, vor allem dann, wenn man gestenreich über Kaffee redet. Und ist das passiert, ist vielleicht sogar die komplette Zukunft hin. Von Alexander Manderscheid

Ich habe mal wieder den Kaffeefilterhalter umgestoßen. Es war ein herrlicher Schwung nach außen mit meiner rechten Hand, irgendein Geschwafel über die Einfachheit des Kaffeekochens begleitend, ein wunderschöner Metaebenen-Rückhandschlag sozusagen, bei dem ich dann mit der Kuppe eines Fingers leicht das Porzellan berührt und damit alles umgestoßen habe. Alles. Den weißen Filterhalter, einen, den man auf jede einzelne Tasse setzt. Die Tasse. Die Ruhe. Das Leben, das sich aus dem winzigen Unterschied zu einem anders zugetragenen frühen Sonntagmorgen ohne umgeworfene Tasse Kaffee mit Galopp in eine völlig andere Richtung entwickelt hätte. Chaostheorie.


Und so schwappte das nasse braune Pulver über die Tischkante hinunter auf den Boden, um mir dort meine neue Zukunft vorherzusagen, ohne dass ich darauf geachtet hätte. Ein Kaffeesatz so groß wie der Fladen einer Anguskuh. Ich habe eine India­nerin zur Unterstützung gebraucht, um das wieder wegzubekommen (nehmen Sie das so hin, das müssen Sie nicht verstehen). Zehn Abrisse ist meine Küchenkrepprolle jetzt dünner, zwei Schnapsgläser vom Glasreiniger sind dahin. Aber der Dreck ist weg und mit ihm eine Menge an Allgemeinplätzen von Liebe, Gesundheit und Beruf. Niemand will seine Zukunft kennen, wenn das Koffein auf dem Boden trollt und damit das Versprechen auf Energie. Denn das führt dann, ganz ohne Kaffee, zu einem verpfuschten Tag vor müden Comedy-Serien auf dem Bett ausgestreckt. Es ist immer traurig, wenn der Kaffee kippt, hat mir später die Indianerin gesimst. Viel schöner als: Ohne Kaffee keine Zukunft. Aber das hätte vielleicht auch gepasst.