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Polizei
„Nicht mehr so ein Tabuthema wie früher“

Kommt es zu Gewalt in den eigenen vier Wänden, sollen Opfer sich direkt an die Polizei wenden.
Kommt es zu Gewalt in den eigenen vier Wänden, sollen Opfer sich direkt an die Polizei wenden. FOTO: picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini
Völklingen/Grossrosseln. Mehr erfasste Fälle von häuslicher Gewalt in Völklingen und Großrosseln: Polizei-Experten sprechen über die Ursachen, ihre Erkenntnisse – und darüber, wie Opfern geholfen wird. Von Ulrike Paulmann

„Das geht jetzt seit 40 Jahren so. Jetzt ist Schluss.“ – Mit diesen Worten ruft eine Frau, weit jenseits der 70, die Völklinger Polizei, erstattet Anzeige gegen ihren Mann. Er hat sie geschlagen. Wieder mal. „Man kann es nicht an bestimmten Dingen festmachen, wann die Leute zu uns kommen. Der Leidensdruck baut sich auf. Irgendwann gibt es einen Auslöser“, sagt Susanne Hell, Leiterin des Kriminaldienstes in Völklingen. Nicht selten sei es so, dass die Auseinandersetzungen in den eigenen vier Wänden viele Jahre verschwiegen worden seien. Weil in den Augen der Opfer eine Trennung nicht möglich war – wegen der Kinder, der Finanz- oder Lebenssituation oder aus anderen Gründen.


Und auch, wenn Frauen sich wegen häuslicher Gewalt bei der Polizei melden, heißt dies nicht immer, das sich wirklich etwas ändert, Stichwort emotionale Abhängigkeit: „Es ist erstaunlich, dass manche Frauen selbst nach massiver Gewaltanwendung, wenn sie grün und blau geschlagen wurden, sagen, sie gehen zurück“, sagt Michael Zapp, Leiter der Polizeiinspektion (PI) Völklingen. Er, Kriminaldienstleiterin Susanne Hell und ihr Stellvertreter Rüdiger Dilschneider geben im Gespräch Einblicke in die Thematik häusliche Gewalt.

Hintergrund sind die gestiegenen Zahlen in der polizeilichen Kriminalstatistik des Saarlandes. Waren es in Völklingen 2015 noch 150 erfasste Fälle häuslicher Gewalt, registrierte man 2016 weitaus mehr, nämlich 205 Fälle. Das bedeutet für 2016 eine Steigerung von 36,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch in Großrosseln stieg die Zahl an: von 20 im Jahr 2015 auf 22 im Jahr 2016 (zehn Prozent mehr als im Vorjahr). Beide Zahlen sind jeweils die höchsten der letzten zehn Jahre. Neuere Statistiken liegen noch nicht vor. Zum Vergleich: Saarlandweit wurden 2015 insgesamt 2940 Fälle erfasst, im Jahr 2016 ebenfalls mehr, nämlich 3327 – ein Anstieg um 13,2 Prozent.



„Für eine Dienststelle ist das schon ziemlich viel“, sagt PI-Leiter Zapp mit Blick auf die Zahlen aus seinem Bereich. Warum sie angestiegen sind? Das erklären die Fachleute aus Völklingen einerseits damit, dass sich 2015 die statistischen Regularien geändert hätten. Zudem sei häusliche Gewalt „nicht mehr so ein Tabuthema wie früher“, die Anzeigebereitschaft sei gestiegen. „Die Hemmschwelle, sich zu melden, ist gesunken“, hat Zapp festgestellt. Und: „Gefühlt“ trauten sich nun auch mehr Frauen mit Migrationshintergrund, Gewalttäter aus ihrem privaten häuslichen Umfeld anzuzeigen. Eine spezifische Erhebung dazu gebe es allerdings nicht.

Was bedeutet überhaupt häusliche Gewalt? Dilschneider erläutert: „Das umfasst in der häuslichen Gemeinschaft fast alle Straftaten, außer die mit finanziellem Bezug.“ Nicht selten spielten auch Alkohol/Drogen eine Rolle, die die Täter enthemmten. Die Gewalt hat viele Gesichter. Da sind einerseits die Formen körperlicher (auch sexueller) Gewalt. Dilschneider berichtet von wüsten Eskalationen verbaler Streitigkeiten, von Schlägen ins Gesicht, geworfenen Gegenständen, Messerattacken, Waffen, die auf jemanden gerichtet werden – das sind nur einige Beispiele, wie sie im Bereich der Polizeiinspektion Völklingen schon vorkamen.

Die Gewalt  kann auch psychisch ausgeübt werden: „Manche verstehen es, andere unter Druck zu setzen, das wird von vielen schlimmer als körperliche Gewalt empfunden“, erklärt Hell. Sie gibt ein Beispiel für das perfide Zusammenspiel physischer und psychischer Gewalt: „Wenn eine Frau bereits geschlagen wurde, fürchtet sie sich schon, wenn sich der Schlüssel im Schloss dreht, vor dem, was passieren könnte.“ Nicht selten suchten die Opfer einen „Grund“, warum sie geschlagen oder gedemütigt wurden: „Weil das Essen angebrannt ist, weil die Kinder geschrieen haben oder Ähnliches.“

Doch Ausflüchte oder der Gedanke „das war ein einmaliger Ausrutscher“ seien ganz fehl am Platz, sagen die Experten. Und empfehlen Betroffenen, sich umgehend an die Polizei zu wenden. Über die Nummer 110 gebe es im akuten Fall umgehend Hilfe. „Direkt Melden ist wichtig“, betont Michael Zapp. Denn nach ein paar Tagen sinke oft die Bereitschaft, sich zu offenbaren.

Bei der Polizei, so sagt Susanne Hell, gibt es speziell ausgebildete Schwerpunktsachbearbeiter, die sich mit dem Vorfall beschäftigen. Die Beamten nehmen das Ganze nicht nur auf, sondern geben auch Hilfestellung, weisen auf das saarlandweite Netzwerk an Hilfsangeboten hin (siehe „Hintergrund“).

Damit der Mensch, der Leid erfahren hat, Schutz und Zeit bekommt, um sich weitere Schritte zu überlegen, gibt es die Möglichkeit der Wohnungsverweisung. „Früher ist das schwächste Glied ausgezogen. Heute muss der Aggressor gehen, egal, wie die Besitzverhältnisse sind“, sagt Hell. Das gelte für bis zu zehn Tage, eine Verlängerung sei möglich.

Michael Zapp, Leiter der Polizei in Völklingen.
Michael Zapp, Leiter der Polizei in Völklingen. FOTO: Ulrike Paulmann
Rüdiger Dilschneider, Stellvertreter von Susanne Hell. 
Rüdiger Dilschneider, Stellvertreter von Susanne Hell.  FOTO: Ulrike Paulmann
Susanne Hell, Leiterin des Kriminaldienstes.
Susanne Hell, Leiterin des Kriminaldienstes. FOTO: Ulrike Paulmann