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Biber an der Saar
Neue Stadt-Bewohner: An der Saar leben Biber

Frische Biberspur am Saar-Leinpfad bei Völklingen: Ein umgenagter Baum, vom Radweg aus gut zu erkennen. Die Bruchstelle sieht – ganz typisch – aus wie ein angespitzter Bleistift.
Frische Biberspur am Saar-Leinpfad bei Völklingen: Ein umgenagter Baum, vom Radweg aus gut zu erkennen. Die Bruchstelle sieht – ganz typisch – aus wie ein angespitzter Bleistift. FOTO: Udo Leonhardt
Völklingen. Ein SZ-Leser stößt am Völklinger Saar-Leinpfad auf umgenagte Bäume. Für das Wasser- und Schifffahrtsamt keine Überraschung: Es kennt schon lange Biber-Behausungen in der Region. Von Doris Döpke

SZ-Leser Udo Leonhardt ist oft und gern mit dem Fahrrad unterwegs. Und bei einer seiner Touren ist dem 70-Jährigen, der in Saarbrücken lebt, jüngst etwas aufgefallen, das ihn überraschte. Am Leinpfad links der Saar, nicht weit von der Karolinger Brücke, sah er  frisch gefällte Baumstämme – nicht abgesägt, sondern mit charakteristischen, wie eine Bleistiftspitze geformten Bruchstellen: Da war ein Biber am Werk.


Leonhardt hat die Spuren mit der Kamera festgehalten und der Redaktion die Fotos geschickt. Und er hat den Ort seiner Beobachtung genau beschrieben: ungefähr einen Kilometer von der Karolinger Brücke entfernt in Richtung Saarbrücken. Die Stelle sei vom Radweg aus sehr gut einzusehen, fügt er hinzu. Auf dem Weg selbst herrsche Betrieb, ebenso in den flachen blauen Hafen-Bauten auf der gegenüberliegenden Saarseite; das habe das Tier bei seinen Baumfällarbeiten offenbar nicht gestört. Was ihn wundert: Warum nagt ein Biber an der Saar Bäume um? Da könne er doch gar nichts aufstauen, könne weder Damm noch Burg bauen.

Das sei auch nicht unbedingt Zweck der Übung, antwortet Klaus Udenhorst, ehrenamtlicher Naturschutzbeauftragter der Stadt Völklingen, als wir Leonhardts Frage an ihn weitergeben. Biberdämme entstünden nur an Gewässern, deren Pegel schwankt – damit sorgen die Tiere dafür, dass der Eingang zu ihrem Bau stets unter Wasser liegt; das sichert Familie Biber gegen Feinde. Wo der Wasserstand aber konstant ist, bohre der Biber eher einen Unterwasser-Gang in die Uferböschung. An der Saar kann Udenhorst sich das kaum vorstellen: Deren Ufer seien mit Wasserbausteinen stabilisiert, „da kommt ein Biber höchstens rein, wenn es mal eine Lücke geben sollte“.



Doch die Saar, sagt Udenhorst, sei der Wanderweg, von dem aus Biber die Nebenflüsse erreicht haben. Und es  könne gut sein, dass sie sich zum Futtern am Saarufer aufhalten. Sie fressen Rinde, bevorzugt von Weichhölzern – vor allem Weiden sind entlang des Leinpfads reichlich zu finden. Von der Ill und der Nied kommend, seien Biber auch schon an der Rossel beobachtet worden. Auf jeden Fall im Bereich Wehrden/ Geislautern: „Im Garten der Lebenshilfe haben sie Bäume gefällt“, berichtet er.

An der Ill waren die Biber, nachdem die Menschen sie fast völlig ausgerottet hatten – vor allem um ihres Pelzes willen –, 1994 wieder angesiedelt worden. Inzwischen, sagt Frank Grütz von der Naturwacht Saar, gebe es im ganzen Saarland wieder Biber. Ein Erfolg, der auch Naturschützer verblüfft: „Damit hat keiner gerechnet, dass die so anpassungsfähig sind.“ Er selbst, sagt Grütz, habe schon Biberburgen gesehen, in die alte Autoreifen oder sonstige Zivilisationsreste eingebaut waren. Auch die Speisekarte der Biber habe sich erweitert. Im Sommer, sagt Grütz, „weiden sie wie die Rehe“, im Winterhalbjahr, wenn kein Wiesengrün zur Verfügung steht, fressen sie Rinde, am liebsten solche, die feucht ist. „Weide, Pappel, Erle, das lieben sie – aber sie gehen jetzt auch an Eichen, Buchen, Fichten“, sagt er. Sogar an Thujen:  Grütz kennt einen Fall, in dem Biber in einem Kleingarten Lebensbäume umgenagt haben. Auch Obstbaumbesitzer hatten schon Biberschäden zu beklagen.

Zurück zu Udo Leonhardts Spuren-Beobachtung am Saar-Leinpfad. Wie Udenhorst hält es auch Grütz für unwahrscheinlich, dass der Biber, der dort Bäume und Äste zu Bleistiften gespitzt hat, am „Tatort“ zu Hause ist: „Wo Wasserbausteine verwendet wurden, sind Biber nur auf der Durchreise.“

Das sieht Jörg Lergon vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt allerdings ganz anders. Er kennt das Saarufer zwischen der französischen Grenze und dem Raum Saarlouis genauestens, „jeden Stein persönlich“, sagt er lachend. Und er weiß: „Wir haben Biber in der Stauhaltung Lisdorf bis zur Saarbrücker  Schleuse.“ Es seien mehrere Biber-Familien am Saarufer zu Hause, auch speziell auf Völklinger Bann. Und das schon lange – eine Burg samt „Rutsche“, auf der Biber abgenagtes Material zum Dammbau ins Wasser schleifen, haben die WSA-Leute schon vor Jahren dokumentiert. Und die Stelle auf Höhe der Hafenanlage, an der  Udo Leonhardt jetzt Biberspuren entdeckt hat, muss man Lergon nicht erklären, er weiß sofort Bescheid.

Ganz still und leise, selbst von Naturschützern unbemerkt, hat Völklingen also neue Bewohner bekommen – der Biber ist zurück.

Biberburg und Biberrutsche an der Saar bei Völklingen. Das Bild stammt aus dem März 2011.
Biberburg und Biberrutsche an der Saar bei Völklingen. Das Bild stammt aus dem März 2011. FOTO: Jörg Lergon/WSA