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Mit Otmar Bohr rauf aufs Dach

Völklingen. „Anstrengende Sitzung“, „sehr anstrengende Sitzung“, „äußerst anstrengende Sitzung“: Die Facebook-Meldungen von Otmar Bohr von der Stadtsparkasse Völklingen sind Codes, wie er uns jetzt verraten hat. Jürgen Kück

Otmar Bohr ist seit 45 Jahren Bankkaufmann bei der Stadtsparkasse Völklingen . Doch dort bekommen die Kunden ihn kaum zu Gesicht. Wer etwas über Otmar Bohr erfahren will, muss sich auch im Internet mit recht geheimnisvollen Auskünften begnügen: Dort, in der riesigen Quasselbude Facebook , liest man gelegentlich Notizen von ihm wie "anstrengende Sitzung", manchmal auch "sehr anstrengende" oder gar "äußerst anstrengende Sitzung", die, so geht aus dürren Ergänzungen hervor, mal bei einer beruflichen Besprechung, mal in einem Feinschmeckerlokal stattgefunden haben.

Als wir ihn im Foyer der Bank treffen, fragen wir natürlich gleich, ob er gerade eine anstrengende Sitzung überstanden hat. Otmar Bohr schmunzelt - das wird er noch oft tun - und sagt: "Gehen wir zuerst mal aufs Dach." Und dann folgen wir ihm durch ein Gewirr von Aufzügen, Treppen, langen Fluren und zuletzt durch eine hüfthohe Luke auf das Flachdach der Stadtsparkasse Völklingen . Schöne Aussicht über die Stadt, klar, aber neue Erkenntnisse über seine Tätigkeit bringt uns der Ausflug nicht. Doch, er deutet hinüber zum Merkurhaus, in Steinwurfweite. "Dort wohne ich", erläutert Otmar Bohr, und wir erfahren, dass er von seinem Arbeitszimmer auf seinen Küchentisch schauen kann. Aha. Und dass er zuständig ist für Marketing, Werbung, Homepage, Gebäudemanagement und Sicherheit. Könnten wir dazu bitte Näheres an einem Tisch, ohne Wind um die Ohren, erfahren, nörgeln wir. Er lächelt, und abwärts geht es, durch die Katzenklappe und das Banklabyrinth in den Konferenzraum, wo wir uns bei einem guten Kaffee erholen.

Und nun packt der Bankmensch aus. "Die Notizen über die Sitzungen sind ein Code", verrät er uns, und nur uns. "Anstrengend" heißt: mit Getränken. "Sehr anstrengend": mit Essen. "Äußerst anstrengend": mit Übernachtung. Er liebt das: zu ver- und entschlüsseln, die Analyse mit Geduld und Scharfsinn, und es erstaunt nicht, dass er schon zu Zeiten von DOS und Basic mit dicken Büchern am Computer saß, der, wie er sich erinnert, "von Oma gesponsert" war. Von dort ist es nicht weit zu Homer, den er - mit Übersetzung daneben - zurzeit liest. Er liest aber auch gerne Krimis: "Da kann der Mossad und alle Geheimdienste der Welt vorkommen, richtig glücklich aber bin ich erst, wenn U-Boote mitspielen. Schön knifflig muss es zugehen." Bei seinem Sohn wohl auch, denn der hat soeben eine Doktorarbeit in Physik abgeliefert.

Aber wie wird jemand wie Otmar Bohr Bankkaufmann und nicht etwa Informatiker, Detektiv oder Kriminalkommissar? "Daran ist Friedrich Röchling schuld", sagt er, "ich war sieben, als er Filialleiter auf dem Heidstock war, und ich fand ihn sympathisch und imposant. So wie er wollte auch ich arbeiten." 18 Jahre später, mit 25, leitete er dann die Filiale in Luisenthal, und nach mehreren Weiterbildungen gelangte er in die obere Etage, die er aber - auch zuständig für Gebäudemanagement - gelegentlich verlässt: "Ich muss unsere Außenwirkung beachten, und zwar mit den Augen der Kunden." So kam er neulich in eine Filiale, in der noch Flyer standen mit der Werbung "4,5 Prozent Zinsen". "Betriebsblindheit", sagt er, "das kann den besten Kolleginnen und Kollegen passieren."

Otmar Bohr ist 62 Jahre alt, das 45-jährige Dienstjubiläum steht bevor. "Ich habe viele und vieles kommen und gehen gesehen", sagt er, "Zusammenhänge im Rückblick verstehen, das ist auch ein Vorteil, wenn man älter wird." Und dann geleitet er uns zum Ausgang, schaut mit kritischem Blick am Gebäude hoch und kurz rüber zu seinen Fensterscheiben. Wir verabschieden uns und danken für die - Moment, ja - "anstrengende Sitzung".