Mit der Chefin höchstpersönlich

Im Wald spazieren zu gehen, ist nichts Ungewöhnliches. Eine Revierförsterin dabei zu haben, schon eher. Doch was genau macht eine Försterin? Und warum? Diese und viele andere Fragen hat die Forstchefin bei einem Rundgang beantwortet.

Weit und breit kein Eichhörnchen. Kein Reh. Und ihren Dackel hat sie diesmal auch zu Hause gelassen. Verena Lamy ist Försterin aus Leidenschaft. Und das spüren alle, die ihr an diesem Nachmittag begegnen: in ihrem Revier, im Naherholungsgebiet Rehbruch in Geislautern . Es ist das erste Mal, dass das Frauenkolleg der Konrad-Adenauer-Stiftung einen Waldrundgang dieser Art organisiert. 20 Frauen sind dem Ruf der Försterin gefolgt. Alle etwas älter, aber gewillt, sich auf Neues einzulassen. "Eine schöne Abwechslung", findet Teilnehmerin Ursula Korst, die sich im Bus zum Startpunkt noch schnell wetterfeste Schuhe anzieht. Vorfreude.

Am Ankunftsort breitet Lamy eine riesige Karte aus. 860 Hektar städtischer Wald. Seit zwei Jahren ist das ihr Gebiet. Sie leitet das Forstamt, ist für acht Mitarbeiter verantwortlich. Ob Holzeinschlag, Waldführungen, Fischerei, Wildverkauf, Waldwegebau oder Verkehrssicherheit: Langeweile kommt hier nur selten auf.

Zwei Stunden haben die Frauen Zeit für die vielen Fragen, die ihnen auf den Nägeln brennen. Wann wird abgeholzt, wann wird gepflanzt? Lamy zückt das Revierhandbuch mit den Infos über die Baumbestände. Jedes Jahr hat sie einen neuen Plan. Radikale Entscheidungen passen nicht in ihr Konzept. Willkür ebensowenig: "Viele denken, wir stehen morgens auf und überlegen uns, was wir so abholzen."

Sie erinnert an Januar. Damals sahen sich Lamy und ihre Mitarbeiter wegen des Borkenkäfers gezwungen, 500 Bäume zu fällen. Für Lamy kein Grund, um reflexartig massiv nachzupflanzen. "Wir beobachten die Fläche", sagt Lamy. Das oberste Ziel sei ein "gemischter" Wald. Dafür sei auch ein gutes Verhältnis zu Jagdpächtern wichtig. Denn wenn Rehwild an Bäumen knabbert, kann das schon mal die Pläne der Försterin durcheinanderbringen. "Wenn es erst zum Gerichtsprozess kommen muss, dann ist zuvor einiges schiefgelaufen. Reden ist immer wichtig", sagt die 40-Jährige. Die Frauen nicken. Immer wieder hört man Sätze wie "Man merkt, dass sie das mit Herzblut macht." Doch was bringt eine junge Frau dazu, ausgerechnet Revierförsterin zu werden? "Früher haben sich zwei Männer den Job geteilt. Da habe ich mir gedacht: Für einen Job, für den man zwei Männer braucht, reicht auch eine Frau." Sie lacht und ergänzt: "Ganz klar. Man steht nicht morgens auf und denkt sich: Ich werde jetzt Försterin. Es ist schon eine Berufung." Es erfüllt sie, einer Arbeit nachzugehen, von der auch künftige Generationen profitieren.

Über Jahrhunderte war der Försterberuf eine Männerdomäne. Bernd Bard, Fachbereichsleiter beim Saarforst, schätzt, dass Frauen erst gegen Ende der 70er Jahre Zugang zu dem Beruf bekamen. Während diese Erkenntnis unter den Frauen nur wenig Erstaunen hervorruft, ist der Aha-Effekt an anderer Stelle groß. Beispielsweise dann, als Lamy darauf aufmerksam macht, dass Waldwege nicht in erster Linie für Spaziergänger gedacht sind. Eigentlich existierten sie nur, um Holz zu ernten. Lamy zeigt auf die Baum-Markierungen, auf das rote R mit den beiden Strichen. Sie grenzen die Rückegassen ein, die dem Transport von gefällten Bäumen dienen. Nur wenige Meter weiter: eine Schutzhütte und das, was von einer Wassertretanlage übriggeblieben ist. Vandalismus ist auch im Wald ein Problem. Die Schutzhütte sei schon mehrmals in Brand gesetzt worden. Die Frauen schütteln den Kopf, auch Teilnehmerin Petra Sämann: "Es ist schade, dass junge Leute gar nicht wissen, was sie sich selbst für einen Schaden zufügen."

Kurz vor dem Ziel pflücken die Frauen noch ein paar Pilze. "Aber immer nur für den Eigenbedarf", mahnt die Försterin. Und sie rät zur Vorsicht: "Jeder Pilz ist essbar. Und sei es nur einmal." Die Frauen lachen. Es ist kalt geworden. Beim gemeinsamen Abendessen im nahegelegenen Feuerwehrgerätehaus ziehen die Teilnehmerinnen Bilanz. Es hat sie beeindruckt, den Wald einmal aus der Sicht einer Försterin erlebt zu haben. Für Anneliese Rosinus steht fest: "So etwas müssen wir öfter machen."

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