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Lehrer-Präsident wettert gegen „Verschulung der Freizeit“

 Referent Josef Kraus. Foto: Jörg Cars/dpa
Referent Josef Kraus. Foto: Jörg Cars/dpa FOTO: Jörg Cars/dpa
Völklingen. Josef Kraus geht bei bildungspolitischem Forum der CDU Völklingen hart mit Ganztags- und Gemeinschaftsschulen ins Gericht. Andreas Lang

Wenig Gutes ließ der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, am Donnerstagabend beim bildungspolitischen Forum des CDU-Stadtverbandes Völklingen im Parkhotel Albrecht am gegenwärtigen Kurs des Schulsystems insbesondere auch im Saarland. Sein provokant formuliertes Thema lautete: "Qualität statt Quote - Differenzierung statt Gleichmacherei - Leistung statt Verwöhnung - Werte statt Beliebigkeit - Lehrpläne statt Leerpläne: Wie ich mir eine CDU-Bildungspolitik vorstelle." Gemeinschaftsschulen fallen für Kraus genauso wenig darunter wie ein verkürztes Abitur (G 8) oder eine verlängerte Grundschulzeit. Verbindliche Ganztagsschulen hält er für ebenso falsch wie unbedingte Inklusion. Lerninhalte zu Gunsten einer Flut von zu vermittelnden Kompetenzen zu opfern, sei eine verfehlte Bildungspolitik.


Die Pisa-Studie müsse oft herhalten, wenn es darum gehe, all die Reformen zu rechtfertigen. Kraus spricht von einem "Pisa-Wahn". Finnland gelte wegen seines guten Abschneidens als Vorbild - und damit auch das System der Gemeinschaftsschulen. "Die hat Mexiko aber auch", so Kraus, doch der mittelamerikanische Staat sei für ihn ein Negativbeispiel. Das gute Pisa-Ergebnis macht er an einer anderen Tatsache fest: "Es ist ein Unterschied, ob zwei Migranten in der Klasse sind wie damals in Skandinavien oder zum Teil mehr als die Hälfte wie bei uns." Seine Pisa-Abrechnung fällt deshalb drastisch aus: "Wer sagt, Bildung ist das, was Pisa misst, der hat ein erbärmliches Bildungsverständnis." Individuelle Förderung stellt er über die Gleichstellung: "In der Gemeinschaftsschule hängen die Schüler den Realschulen zwei Jahre, den Gymnasien drei Jahre hinterher."

Zur so genannten Inklusion um jeden Preis: "Wo es mit einem Treppenlift, optischen oder visuellen Hilfen getan ist - in Ordnung." Gehe es aber um geistige Behinderungen, bei denen die Schüler auf Grund ihrer kognitiven Fähigkeiten keine Chance hätten, dem Unterricht zu folgen, liege die Politik falsch, wenn sie hier die Inklusion fordere. Bestätigt sieht sich Kraus dabei auch von der Uno-Konvention, auf die sich die Inklusionsbefürworter berufen: "Sie verlangt nicht von uns, die Förderschulen abzuschaffen." Grundsätzlich meint er: "Schulen sind keine Anstalt zum Herstellen der Gleichheit, sondern zur Förderung der Individualität." Weiter hält Kraus die These für falsch, es sei wichtiger, Kompetenzen als Lerninhalte zu vermitteln. Letztere würden sich stets ändern. "Aber wie kann es sein, dass in einen Lehrplan für Deutsch Dutzende von Kompetenzen aufgeführt sind - aber nur ein einziger Dichtername - bei uns, im Lande der Dichter und Denker." Und dann auch noch ein Hieb gegen Ganztagsschulen: "Wer solche einführt, baut weder soziale Unterschiede ab noch verbessert er die Bildung." Die Beweise dafür sei das System schuldig geblieben: "Für mich handelt es sich dabei nicht um die Entschulung von Schule, sondern um die Verschulung von Freizeit."