Kunst für die Verstorbenen

Mit Ton hantiert Elisabeth Kunkel schon seit Jahrzehnten. Früher nur als Hobby, neben dem eigentlichen Beruf. Mit dem Eintritt in die Rente machte sie ihr Hobby aber zur Profession – und stellt nun Urnen her.

Als ihre Mutter starb und sie nach einer Urne schaute, fand sie nur Gefäße aus Blech. Das fand sie kühl, unpersönlich. Verdient ein besonderer Mensch nicht auch nach dem Tod einen besonderen Platz? Da begann Elisabeth Kunkel, sich über Urnen Gedanken zu machen. Darüber, selbst Urnen herzustellen.

Mit Ton arbeitete sie schon seit Jahrzehnten, als künstlerisches Hobby , formte vor allem Skulpturen neben ihrer Arbeit an der Saar-Universität. Vor gut drei Jahren ging Kunkel in Rente, aber sie war noch fit und aktiv - also entschloss sie sich, aus ihrem Hobby eine Profession zu machen. Sie baute sich in ihrem Garten in Fürstenhausen eine Werkstatt auf und produziert dort seither in Handarbeit künstlerisch gestaltete Urnen.

Eine schwierige Arbeit, die Geduld und Fingerspitzengefühl fordert. Zwölf Tage dauert es insgesamt, bis eine Urne fertig ist. Erst muss die Grundform aus Ton mehrere Tage an der Luft trocknen, danach wird die Urne einen Tag im Elektroofen bei 950 Grad erhitzt. Dann trägt Kunkel die Glasur auf, die der Urne Farbe und Muster verleiht. Nun wird sie noch einmal gebrannt, in einem Gasofen bei 1000 Grad. Aus dem Gasofen kommt die Urne direkt in eine mit Sägespänen ausgelegte Grube, darauf legt Kunkel einen Deckel, woraufhin sich in der Grube Rauch sammelt und der Urne noch einmal einen dunkleren Ton verleiht.

Dieser letzte Schritt, eine besondere Brenntechnik japanischer Tradition, ist knifflig. Um die Urne mit einer Zange aus dem 1000 Grad heißen Ofen zu holen, zieht sich Kunkel einen feuerfesten Anzug über. "Mir schlägt jedes Mal das Herz, wenn ich an den Ofen gehe", sagt sie. Sie muss ihren Mut zusammennehmen und ist erleichtert, wenn es geschafft ist. Und gespannt: Wie ist die Urne geworden? Wie ist die Glasur gelaufen, wie hat sich der dunkle Rauch in die Urne eingebrannt? Handarbeit: Jedes Stück ist ein Unikat.

Das hat natürlich auch seinen Preis. Die günstigsten Urnen liegen bei 190 Euro, manche können aber auch 700 Euro kosten. So viel Geld für etwas, das in der Erde vergraben wird? Kunkel weiß, dass viele deswegen zögern, eine handgemachte Urne zu kaufen. Sie würde sich daher mehr Kolumbarien wünschen. In Kolumbarien werden Urnen mit der Asche Verstorbener oberirdisch aufbewahrt, in Regalen oder in Wandnischen. Alte, nicht mehr gebrauchte Kirchen würden sich für Kolumbarien gut eignen, sagt sie.

Aber Kunkel geht es auch nicht allein um das Geld, das sie mit ihren Urnen verdient. Vor rund 2000 Jahren schon hätten die Etrusker Grabgefäße hergestellt, sagt sie. Und mit ihren Urnen reiht sich Kunkel in diese Kunstlinie ein. Eine spannende Vorstellung, dass in tausenden von Jahren einmal ihre Urnen gefunden werden könnten, als Nachweis für die Kultur unserer Zeit.

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