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Kolumne
Wo Zahnseide einen alt aussehen lässt

Kommentarkopf Ulrike Paulmann
Kommentarkopf Ulrike Paulmann FOTO: SZ / Robby Lorenz
Kinder tun manchmal Dinge, die Erwachsene vor Rätsel stellen. Es sei denn, sie nehmen alte Moden neu auf. Von Ulrike Paulmann

Ich sehe sie überall. In der Grundschule, vor dem Neuen Rathaus, auf dem Adolph-Kolping-Platz und sonstwo: Diese Kinder, die urplötzlich für wenige Sekunden, manchmal auch länger, die Hände zur Faust ballen, die Arme vor und hinter dem Körper schlenkern und dazu mit der Hüfte pendeln. Langsamer. Schneller.


Während die Gliedmaßen stets nach dem gleichen Schema bewegt werden, ist der Gesichtsausdruck variabel. Er reicht vom Grinsen bis zum gelangweilten Durch-dich-durch-Gucken. Immer gleich ist aber, wie das unwissende Gegenüber schaut: ziemlich verdaddert.

Auch ich hatte ihn, diesen fragenden Gesichtsausdruck. Als nämlich die achtjährige Tochter dergestalt auf dem Schulhof herumhampelte. Die erklärte mir dann, was sich dahinter verbirgt, als sei es das Allernormalste der Welt: der Zahnseiden-Tanz. Und übrigens (vorwurfsvoll), die Lehrer könnten ihn längst auch (nur ich nicht). Das saß.



Mittlerweile weiß ich mehr, dank eines hilfreichen Zeitungsartikels: Flossin’ heißt die hippe Bewegungsabfolge. Ein amerikanischer Teenager habe sie sich ausgedacht, heißt es. Sein kurzer Film im Netz habe das Ganze schnell populär gemacht, auch bei Fußballern und anderen Profisportlern. Und so kam dieser seltsame, aber harmlose Trend-Tanz dann auf die heimischen Schulhöfe und Co. Und ließ mich, ob meiner Ahnungslosigkeit, ganz schön alt aussehen.

Gut, dass bald ein anderes Schulhof-Erlebnis folgte: Da standen zwei Kinder in einiger Entfernung voneinander, zwischen ihren Beinen ein gespanntes Seil. Und meine Tochter hüpfte in der Mitte, bemüht, beim guten alten Gummitwist alle Abfolgen zu bewältigen, ohne sich zu verhaken. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit und Coolness wie beim angesagten Flossin’ machte sie ihr Ding bei diesem zeitlosen Kinderspiel, das es gefühlt schon immer gibt. Nur, dass dieses Mal die Mama gleich im Bilde war, sogar Tipps geben konnte. Und sich gleich wieder um einiges jünger fühlte.