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Kolumne
Radler, seid ihr lebensmüde?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Milde Herbstabende sind schön – und mit gutem Licht noch viel schöner. Von Doris Döpke

Warnwesten finden Sie doof? Kann ich verstehen, geht mir ebenso. Wenn ich abends aufs Fahrrad steige, streife ich statt des schweißtreibenden Plastik-Teils schmale Streifchen über die Jacke: reflektierendes Band rund um die Taille und schräg über den Oberkörper, angelegt wie ein Sicherheitsgurt. Und ich schalte das Licht ein, starkes Weiß vorne, kräftiges Rot hinten. Licht finden Sie auch doof, weil der Fahrrad-Dynamo Extra-Kraft braucht, die einem dann an den vielen Steigungen fehlt? Da helfen Batterieleuchten, für deren Betrieb muss man nicht strampeln. Aber bitte, liebe Mit­radler, rollen Sie nie als schwarzes Geschoss durch die Nacht!


Das Wetter dieser Woche war mild und trocken, November hin oder her. Eine feine Sache für Radler. Nicht so für Autofahrer, die Radlern begegnen – während der vergangenen Abende hat mich so mancher Adrenalinstoß ereilt. Vor der Kühlerhaube rollt wer, dunkles Rad, dunkle Kleidung, licht- und reflektorenlos, erst im letzten Moment vom Autoscheinwerfer erfasst. Bremsen! Uff, das war knapp. Radler, seid ihr lebensmüde?

Gestern dann mal Kontrastprogramm. Das hell beleuchtete Rad sah ich schon weitem, den Radler dank Helm-Reflexstreifen und Warnweste auch. Er schaute sich um, guckte zu mir und wechselte von der Fahrbahn auf den leeren Gehweg. Dankbar habe ich ihm im Vorbeifahren zugewinkt: Mein Vertrauen in die menschliche Vernunft ist wieder hergestellt.