"Kita differenzsensibel!": Modellprojekt in Völklinger Kindertageseinrichtung Kunterbunt

Modellprojekt in Völklinger Kita : „Anderssein“, das ist ganz normal

88 Prozent der Kinder, die die Völklinger Kita Kunterbunt besuchen, haben einen Zuwanderungs-Hintergrund – diverse Sprachen, Kulturen, Lebensformen treffen aufeinander. In einem Modellprojekt, an dem die Kita teilnimmt, geht’s darum, wie man am besten mit Verschiedenartigkeit umgehen kann.

Leonie und Estelle haben es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Aufmerksam hören sie Yamina Bouabdallah zu. Die Erzieherin der städtischen Kindertageseinrichtung (Kita) Kunterbunt im Neuen Rathaus Völklingen liest den beiden die Geschichte „Irgendwie anders“ vor. Die fasziniert die Fünf- und die Vierjährige. In dem Bilderbuch geht es um ein Wesen mit dem Namen „Irgendwie anders“, das allein lebt. Bis eines Tages ein seltsames Etwas auftaucht, völlig anders aussieht und doch behauptet, genauso wie es zu sein.

In der Nähe spielen gerade einige Kinder mit zwei dunkelhäutigen Puppen, ziehen sie an, aus und um. Das Beschäftigen mit den „Babys“, wie sie sie nennen, macht den Kleinen erkennbar Spaß. Genau wie anderen das Spiel mit bunten Kunststofffigürchen, zu denen auch Großeltern, Familien aus verschiedenen Nationen und ein Kind im Rollstuhl gehören.

Die pädagogische Arbeit mit dem Gedanken „Kind ist Kind“ gestalten, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und Entwicklung: Darauf wird in der Einrichtung besonderes Augenmerk gelegt, erklärt Leiterin Brigitte Eller. Die Kita Kunterbunt beteiligt sich als eine von sechs Kitas im Saarland an dem Modellprojekt „Kita differenzsensibel!“, das 2016 begann (siehe „Info“). Zu dessen Zielen gehören  die Stärkung von Kita-Kindern und ihren Familien und die Sensibilisierung pädagogischer Fachkräfte für Heterogenität (Verschiedenartigkeit). „Das Programm passt sehr gut zu uns“, sagt Eller. Denn 88 Prozent „ihrer“ Kinder haben einen Migrationshintergrund, kommen also aus ganz verschiedenen Lebenswelten.

Die Kita-Leiterin ist ausgebildete Fachkraft für differenzsensible frühe Pädagogik. „Differenzsensibel“, das bedeutet ihr zufolge, „jedes Kind anzunehmen, wie es ist, egal ob es  eine andere Herkunft oder Hautfarbe hat oder ob es aus einer Regenbogenfamilie kommt.“ Sei ein Kind auffällig in einem bestimmten Bereich, „schauen wir, was können wir dem Kind geben, was braucht es?“

Scheinbares „Anderssein“ soll der Nachwuchs einfach als normal begreifen. Dabei sollen auch die  neuen Materialien wie Bücher, Puppen, Figuren oder auch Hautfarbenstifte in ganz vielen Nuancen helfen: „Wir wollen zeigen, dass eigentlich jeder anders aussieht“, sagt Eller. Es freut sie, dass die Spielzeuge, die mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Kinderhilfswerks angeschafft wurden, gut angenommen werden. „Anfangs haben manche noch komisch geschaut, als sie die Kinderfigur im Rollstuhl sahen, mittlerweile spielen alle sehr gern damit.“

Die Teilnahme an dem Programm ist für die Kita kostenlos. Die FITT gGmbH begleitet alle Prozesse, bietet Fortbildungen und Trainings, gibt Anregungen und ist Ansprechpartner, sagt Eller. Das alles sei viel wert. „Nicht erst deswegen, aber gerade mit dem Modellprojekt hat sich schon einiges verändert“, blickt sie zurück. Zum Beispiel, was die Sichtweise des Teams angeht: Bei der Auswahl von Spielmaterial schaue man jetzt sehr gezielt darauf, dass Dinge für alle sind und jeder damit spielen darf. Und dass sie keine Klischees transportieren – Bilderbücher zum Beispiel sollen auch Feuerwehrfrauen zeigen und nicht nur Papa mit der Bohrmaschine hantieren lassen. Auch das Miteinander mit den Eltern sei anders geworden, sagt Eller. Sie berichtet davon, dass Väter und Mütter zu einer Willkommenswanderung eingeladen werden oder zu einem jährlichen Info-Nachmittag in mehreren Sprachgruppen mit Dolmetschern. Es gehe um Austausch und Teilhabe: „Die Eltern merken: Man nimmt sie ernst.“ Sie brächten sich so mehr ein, das Vertrauen sei gewachsen. Und die Kinder? Die freuten sich nicht nur über die neuen Angebote, sondern würden auch sensibler gegenüber anderen. Das Ganze müsse nun weiter Stück für Stück wachsen.

Das Projekt läuft noch bis Ende 2019. Bis dahin wird es auch noch um Kinderrechte gehen.