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Grubenwasseranstieg
„Keine Gefahr fürs Trinkwasser“

Blick auf die Tagesanlage des  ehemaligen Bergwerks in Luisenthal. Dort stehen die meisten Gebäude leer, seit Jahren wird keine Kohle mehr gefördert. Aber die Pumpen laufen noch – der Gas-Gewinnung aus dem Untergrund zuliebe.
Blick auf die Tagesanlage des ehemaligen Bergwerks in Luisenthal. Dort stehen die meisten Gebäude leer, seit Jahren wird keine Kohle mehr gefördert. Aber die Pumpen laufen noch – der Gas-Gewinnung aus dem Untergrund zuliebe. FOTO: bub/fb / BeckerBredel
Völklingen. Im Völklinger Stadtrat hat der Experte Jürgen Wagner am Donnerstag berichtet über die Folgen des Grubenwasseranstiegs. Fürs Trinkwasser sieht er vorerst keine Gefahr. Von Doris Döpke

Darf die RAG die Pumpen in ihren ehemaligen saarländischen Bergwerken abschalten, zumindest zeitweilig, und das Wasser in den stillgelegten Streben, Strecken und Schächten ansteigen lassen? Drohen dabei Risiken für die Menschen in den rund 30 betroffenen Kommunen? Bringt ein Pump-Stopp gar die Qualität des Trinkwassers in Gefahr? Landauf, landab wird darüber derzeit heiß gestritten, im Landtag, in den Rathäusern, in den Parteibüros, aber ebenso auch an Küchentischen und Kneipentheken.



Wie der untertägige Wasseranstieg abläuft und was er bewirken kann, ist kompliziert. Und so sind in der Debatte vielerlei Spekulationen im Spiel. Die CDU-Fraktion im Völklinger Stadtrat wollte nun aber Genaues wissen. Und beantragte, die Verwaltung möge Fachleute in den Rat einladen. Der Hydrogeologe Professor Jürgen Wagner referierte nun vor dem Rat.

Wagner, Chef der in Neunkirchen ansässigen Firma Grundwasser- und Geoforschung (GGF) GmbH, gilt als „Wasser-Papst“ im Saarland und darüber hinaus. Im Landes-Auftrag hat er ein Grundwasser-Modell für das Saarland entwickelt, in dem die Topografie, die Geologie und die vielfältigen ober- und unterirdischen Wasserströme exakt kartiert sind. Und das Vorhersagen erlaubt, wie im Zusammenspiel all dieser Faktoren das Element B beeinflusst wird, wenn sich an Element A etwas verändert. 2010 hatte Wagner bereits für den Wasserzweckverband Warndt eine Studie erarbeitet, bei der die Folgen des Grubenwasseranstiegs in Lothringen und im Warndt im Blickpunkt standen. Jetzt hat er eine neue große Studie erstellt: Er hat die Auswirkungen des Pumpen-Abschaltens untersucht – ein Gutachten im Auftrag der Bergbehörden, die entscheiden müssen, ob und wie sie die Pläne der RAG für deren ehemalige Gruben genehmigen.

Dafür, erläuterte Wagner vor dem Stadtrat, haben er und sein Team das Grundwasser-Modell noch einmal verfeinert und präzisiert.  Man dürfe gerade mit Blick aufs Trinkwasser nicht nur auf die großräumige Geologie schauen, hier Karbonschichten, dort die Buntsandsteinschichten, aus denen Wasserwerke ihren Rohstoff holen. Man  müsse auch lokale Besonderheiten beachten: Durch geologische Störungen, Risse, Klüfte könne die Wasserdurchlässigkeit des Gesteins am Ort A ganz anders sein als am Ort B. Die Annahme, dass es keine Probleme gebe, wenn man das Grubenwasser ansteigen lasse bis auf etwa 320 Meter unter der Oberfläche – also ein Stückchen unterhalb des Trinkwasserleiters, der Sandsteinschicht – gehöre im Detail überprüft.

Das hat Wagner getan. Was er berücksichtigt hat – zum Beispiel die so genannte südliche Störung und den Saarsprung, zwei geologische Spezialitäten – und mit welchen Methoden, erklärte er verständlich und für Laien nachvollziehbar. Sein Ergebnis: Der Grubenwasseranstieg bis minus 320 Meter werde voraussichtlich ohne ernsthafte Auswirkungen bleiben.  Keine Gefahr fürs Trinkwasser, keine Gefahr für Bauten. Und keine Gefahr „stofflicher Verunreinigungen“, weil beispielsweise die im Bergbau verwendeten giftigen PCB-Chemikalien durch den jetzt geplanten Pump-Stopp nicht mobilisiert würden.

Völklingen, das wurde beim Vortrag deutlich, wird von dem, was die RAG aktuell plant, kaum berührt. Denn in Luisenthal laufen die Pumpen weiter: Dort wird noch Grubengas gewonnen. Trocken gehalten wird das untertägige Grubengebäude auch durch den Hochdruckdamm, der es von der „Wasserprovinz“ Warndt trennt. Der Damm, sagte Wagner, sei derzeit mit einem Druck von rund 90 bar belastet. Und für eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgelegt – ein Teil dieser Zeit ist bereits verstrichen. Mechanisches Versagen des  Damms mache nichts aus, sagte Wagner; aber was passiere,  wenn er seine hydraulische Funktion nicht mehr erfülle, müsse man fragen und untersuchen. Wagners Fazit, von Wissenschaftler-Vorsicht geprägt: „Ich hätte gern ein schubladenfertiges Konzept für den Hochdruckdamm.“

Wissenschaftler-Vorsicht legte Wagner auch bei anderen Punkten an den Tag.  Boden-Hebungen und Erderschütterungen werde es im Zuge des Wasseranstiegs fraglos geben, sagte er. In bestimmten Bereichen, etwa im Scheidter Tal, müsse man um des Trinkwassers willen die Wasser-Lage stetig überwachen. Und: Seine „Entwarnung“, erklärte er mehrfach, gelte nicht für Phase zwei des Wasseranstiegs – Annäherungen an die Oberfläche sind ein Kapitel für sich.

Wasser-Experte Jürgen Wagner
Wasser-Experte Jürgen Wagner FOTO: Willi Hiegel