| 20:16 Uhr

Türkischstämmige Völklingerin hilft anderen bei der Integration
„Ich bin mit dem Duden eingeschlafen“

 Die gebürtige Türkin Kadriye Eker ist seit 2001 für den Völklinger Verein Baris - Leben und lernen tätig.
Die gebürtige Türkin Kadriye Eker ist seit 2001 für den Völklinger Verein Baris - Leben und lernen tätig. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Vor 40 Jahren kam Kadriye Eker aus der Türkei nach Deutschland. Im Verein Baris – Leben und Lernen hilft die Völklingerin anderen Menschen, sich in unterschiedlichen Kulturen zurechtzufinden. Von Ulrike Paulmann

Der erste Tag in der neuen Schule, der neuen Klasse. In dem fremden Land, in dem sie nun leben sollte. Und nichts, gar nichts, verstand die Zwölfjährige. Einzig die Frage der Lehrerin nach ihrem Namen. Sie sprang auf, nannte ihn – und wurde prompt ausgelacht. „Ich wusste nicht, dass man in Deutschland bei so etwas nicht aufsteht“, sagt Kadriye Eker. Eine Erfahrung, die die türkischstämmige Frau prägte: „Vielleicht ist das in mir geblieben. Nun kann ich andere davor bewahren.“


Heute kennt sich die 51-Jährige mit Unterschieden, die das Miteinander der Kulturen erschweren, bestens aus. Sie ist beim Völklinger Verein Baris – Leben und Lernen (siehe „Info“) als Sprach- und Kulturmittlerin tätig, wurde entsprechend geschult. Sie gehört zum geschäftsführenden Vorstand, ist als Dolmetscherin und in der Frauenarbeit tätig. Außerdem leitet sie mit einer Kollegin ein Gesundheitsprojekt und engagiert sich seit vielen Jahren in der Initiative Deutsch-Türkischer Jugend- und Fachkräfteaustausch. „Baris war mein großes Glück“, sagt die zurückhaltende Frau in gutem Deutsch, ihre Augen leuchten dabei.

Die fremde, schwere Sprache hat sie sich selbst angeeignet, mit Hilfe von deutschen Freunden und viel Willenskraft: „Ich habe viel gelesen, bin nachts mit dem Duden eingeschlafen“, sagt sie. Lacht. Sagt dann, ernster: „Ich empfehle jedem, der hierher kommt, einen Sprachkurs zu machen, egal, wie schwer es fällt.“ Und teilzunehmen – an Veranstaltungen, Elternabenden und mehr. Selbst wenn man die Sorge habe, nichts zu verstehen. Geduld zu haben sei auch wichtig. Und sich nicht zu schämen.



 1979 holte der Vater, Gastarbeiter in Bremen, die Familie nach schmerzhaften Jahren der Trennung zu sich. Kadriyes große Erwartungen schrumpften schnell; in die Schule kam sie ohne Deutschkenntnisse und ohne Hilfe: „Damals gab es ja keinen Integrationsunterricht, nicht mal Förderstunden.“ Sie schaffte den Hauptschulabschluss. Es folgten die Hauswirtschaftsschule und die Ausbildung zur Damenschneiderin. Mit 18 Jahren verlobte sie sich, mit 20 Jahren heiratete sie, kam nach Völklingen, gebar zwei Kinder, blieb daheim.

Der Kontakt zu Baris kam 2001: Sie bewarb sich, das jüngste Kind war sieben, als Kinderbetreuerin, vergeblich. Aber eine Dolmetscherin wurde gesucht. Aus dem Engagement für wenige Stunden wurde schnell mehr. „Ich habe genau die richtige Entscheidung getroffen“, sagt Eker mit Nachdruck. Sie liebe die Arbeit mit den Menschen, komme sehr gut mit den Kollegen zurecht: „Das hier ist wie eine Familie.“ Und Familie ist ihr sehr wichtig. Dort, in der Wehrdener Saarstraße, hat sie also ihre „Berufs-Familie“ – daheim, in Luisenthal, leben sie, ihr Mann und die beiden Kinder mit ihren Familien (Eker ist bereits dreifache Oma) unter einem Dach. Alles Menschen, die sie sehr unterstützen. Dafür ist sie dankbar.

Längst hat sie den deutschen Pass. Fühlt sie sich als Deutsche? Als Türkin? Zögern. „Beides.“ Sie betrachte stets beide Kulturen und suche dann den besten, passenden Weg. Direkt und pünktlich zu sein, Grenzen zu setzen, das habe sie in Deutschland gelernt. Andererseits hat sich die Muslimin stets ihren Glauben bewahrt. Fünf Mal am Tag betet sie, geht regelmäßig in die Moschee, trägt seit ihrem 24. Lebensjahr ein Kopftuch. Ihre ganz eigene Entscheidung: „Ich will zeigen, dass ich religiös bin. Und es ist auch ein Schutz.“

Mehrfach im Jahr besucht sie ihre Mutter in der Türkei, der Vater ist tot. Irgendwann will sie in ihr Geburtsland zurück. Ungewiss, ob es klappt. Schließlich ist ein großer Teil ihrer Familie hier, auch die geliebten Enkel, deren Bilder sie stolz zeigt. Aber egal, ob zu Besuch oder auf Dauer. Sie weiß, dass sie dort erstmal als „anders“ wahrgenommen wird: „Dort bin ich dann die Deutsche.“