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Jetzt wird Renaturierung geprüft

Am Rosenmontag 2016 zwang ein heftiges Unwetter zur Absage der Fastnachts-Umzüge – und setzte am Lauterbach Anwohner-Gärten unter Wasser. Unser Bild entstand in der Lauterbacher Hauptstraße. Archivfoto: Jenal
Am Rosenmontag 2016 zwang ein heftiges Unwetter zur Absage der Fastnachts-Umzüge – und setzte am Lauterbach Anwohner-Gärten unter Wasser. Unser Bild entstand in der Lauterbacher Hauptstraße. Archivfoto: Jenal
Lauterbach. Starkregen kommt öfter vor als früher, eine Folge des Klimawandels. Am Lauterbach ist dann „Land unter“. Völklingens Bürgermeister Wolfgang Bintz (CDU) setzt jetzt auf eine rechtssichere Lösung für den Hochwasserschutz. Doris Döpke

Kürzlich hatten sie Ärger mit Wildschweinen, die ihre Gärten umpflügten, die Anwohner der Lauterbacher Hauptstraße (wir haben berichtet). Dieses Problem ist neu. Beim Ortstermin zeigte sich, dass ein altes Problem in unverminderter Schärfe fortlebt: Bei Starkregen hält es den Lauterbach nicht in seinem Bett. Die Anwohner berichten, dass er wieder und wieder über die Ufer tritt, in die Gärten schwappt, den Häusern oft bedrohlich nahe kommt - obwohl es in jüngster Zeit kein "großes" Hochwasser gegeben hat. Und stets bringt das Wasser hässlichen Dreck mit, Fäkalien, Toilettenpapier, Hygieneartikel.


Seit Jahrzehnten ist das Problem bekannt. 2009 hat das Ingenieurbüro eepi die Ursachen exakt analysiert. In Lothringen, wo der Bach herkommt, ist die Kanalisation zu knapp dimensioniert, bei Regen läuft sie über. Und auf deutscher Seite kann die schmale Betonrinne, in die man den Bach einst gezwängt hat, nicht genug Wasser wegschaffen - es staut sich, flutet die Umgebung.

2015 haben die Ingenieure im Auftrag der Stadt einen Lösungsvorschlag erarbeitet: das Bachbett verbreitern. So weit, dass wenigstens kleinere Hochwassereignisse keinen Schaden anrichten. Die Lösung hat freilich einen Haken: Sie funktioniert nur, wenn alle Bach-Anrainer mitmachen. Danach sah es jüngst beim Ortstermin aber nicht aus - mehrere Anlieger erklärten, sie würden für diese Lösung kein Land abtreten.



Völklingens Bürgermeister Wolfgang Bintz (CDU ) hatte auf freiwillige Beteiligung der Anwohner gehofft, sagt er im Redaktionsgespräch. Gebe es die nicht, müsse man andere Wege suchen für den Hochwasserschutz . Nämlich mit einem Planfeststellungverfahren, dessen Ergebnis dann verbindlich ist; "wir brauchen Rechtsgrundlagen", sagt Bintz.

Doch noch sei offen, wie die Lösung letztlich aussehe. Das Umweltministerium - wichtiger Partner der Stadt, weil es Fördergeld für Hochwasserschutz-Maßnahmen verwaltet - habe die Stadt kürzlich aufgefordert, neben der seit vorigem Herbst diskutierten Bachbett-Verbreiterung noch weitere Varianten zu prüfen. In Frage komme eine Renaturierung des Lauterbachs, zurück ins natürliche Bett, in dem der Bach floss, ehe man ihn vor Jahrzehnten zum Abwasserkanal machte und deshalb begradigte. Zweite Variante sei, den Bach zu verlegen, weg von der Wohnbebauung. "Aber wo brisante Ecken sind, wird man den Bach vermutlich nicht wegbekommen", spekuliert er. Wiederum sollen Fachleute die Sache genau durchrechnen. Die Stadt werde jetzt Angebote einholen für eine weitere Studie. So oder so - eine rasche Lösung sei nicht in Sicht.

Auch nicht für die Schmutzfracht (die mache krank, sagen Anwohner, Kontakt mit dem Wasser habe Kinder mit dem Noro-Virus infiziert). Die französische Behauptung, dass man die eigene Kanalisation verbessert und dadurch die deutschen Probleme gelöst habe, sei "schlicht falsch", sagt Bintz: Die neuen Rückhaltebecken in Lothringen brächten für Lauterbach nur wenig bis nichts. Als Abhilfe denkt Bintz nun daran, direkt an der Grenze ein Rückhaltebecken zu bauen.

All das wird dauern. Allein fürs Planfeststellungsverfahren - das ja erst am Ende steht - rechnet Bintz mit mindestens einem Jahr. Roland Desgranges vom Ingenieurbüro eepi und sein Team haben 2015 ihre Computer mit allen bekannten Lauterbach-Daten gefüttert. Und dann gerechnet: Wie kann man bei Lauterbach-Hochwasser Schäden für Anwohner und ihr Eigentum vermeiden? Ergebnis: Ein Hochwasser, wie es statistisch alle fünf Jahre auftritt (HQ 5), lässt sich bändigen. Dazu muss man das Bachbett aufweiten, auf vier bis fünf Meter, stellenweise auf bis zu sieben Meter. Stärkeres Hoch wasser würde zwar immer noch Schaden anrichten. Der wäre aber viel geringer als beim jetzigen Zustand des Bachbetts.

Zum Thema:

Hintergrund Den Lauterbach zu verrohren, wie es Anwohner und lokale Kommunalpolitiker immer mal wieder vorschlagen, ist nach Auskunft des Umweltministeriums wahrscheinlich technisch unmöglich. Und rechtlich völlig ausgeschlossen. Denn für den Lauterbach , der erklärtermaßen ein Gewässer ist, gilt die Wasserrahmen-Richtlinie der Europäischen Union. Sie fordert von allen EU-Mitgliedsländern, ihre Gewässer in guten Zustand zu bringen. Und sie untersagt in aller Strenge, den Gewässer-Zustand zu verschlechtern. Nach den Vorschriften des Wasserrechts muss an Gewässerrändern jeweils ein fünf Meter breiter Streifen frei von jeglicher Bebauung bleiben. Das gilt für öffentliche Bauten ebenso wie für private, bis hin zu Gartenhütten, Stegen und Zäunen. Am Lauterbach , der viele Privatgrundstücke mitten durchschneidet, hat man das bisher kaum beachtet. dd

Viel zu eng: Brücken-Nadelöhr am Spitteler Weg (oben stehen Ortsvorsteher Dieters Peters, links, und Anwohner Adolf Warken). Rechts die ebenfalls zu enge Bachbett- Rinne. Fotos: Jenal, Feld
Viel zu eng: Brücken-Nadelöhr am Spitteler Weg (oben stehen Ortsvorsteher Dieters Peters, links, und Anwohner Adolf Warken). Rechts die ebenfalls zu enge Bachbett- Rinne. Fotos: Jenal, Feld
Wolfgang Bintz
Wolfgang Bintz
Roland  Desgranges
Roland Desgranges