In zwölf Tagen auf dem Rad durch Amerika

St. Ingbert/Lauterbach. Wenn Dauer-Läufer einfach mal so 100 Kilometer am Stück unterwegs sind, gehört das heute schon fast zur Normalität. Verrückt halt - aber normal. Wenn einer mal schnell 300 Kilometer nonstop auf dem Fahrrad runterstrampelt, auch. Doch für die ganz harten Hunde unter den Ausdauersportlern gehört so was gerade mal zum Aufwärm-Programm

St. Ingbert/Lauterbach. Wenn Dauer-Läufer einfach mal so 100 Kilometer am Stück unterwegs sind, gehört das heute schon fast zur Normalität. Verrückt halt - aber normal. Wenn einer mal schnell 300 Kilometer nonstop auf dem Fahrrad runterstrampelt, auch. Doch für die ganz harten Hunde unter den Ausdauersportlern gehört so was gerade mal zum Aufwärm-Programm. Horst Jung aus Lauterbach, der für den RSC St. Ingbert startet, ist einer von den Verrückten, die im Juli den legendären Radmarathon in Wiedlisbach in der Schweiz hinter sich gebracht haben. 731 Kilometer, 5600 Höhenmeter, elf Pässe, Steigungen bis 20 Prozent, längster Anstieg 35 Kilometer. 27 Stunden ohne Pause im Sattel seines Rennrads - 27 Kilometer in jeder Stunde. Rund 100 Extrem-Sportler haben die Tortur auf sich genommen. Längst nicht alle sind angekommen. Horst Jung hat es geschafft. Als Sieger der Altersklasse Ü50. "Ich hab hinterher meine Knochen zwar nicht mehr gespürt, aber ich war glücklich und total aufgedreht." Hätte er schlafen können, hätte er sicher schon von der größten Herausforderung geträumt, die all das, was der 52-Jährige bisher in Sachen Extrem-Ausdauer veranstaltet hat, noch in den Schatten stellt. Denn die Schinderei in den Alpen hat sich auch gelohnt. Nicht mit barer Münze, sondern mit der Qualifikation für das härteste Radrennen der Welt, den "Race across America". Im Vergleich dazu ist der Quali-Tour in der Schweiz geradezu ein Honigschlecken. Bei der Höllentour durch Amerika geht es 4800 Kilometer quer durch Amerika vom Pazifik bis zum Atlantik, über die Rocky Mountains, die Apalachen, durch Wüsten und Prärien. Das "Perfide" an der Geschichte: Der "Race across America" ist ein Rennen gegen die Uhr. Das Zeitlimit: Zwölf Tage und fünf Stunden. Wie soll das gehen? Jungs Rezept: "Fit musst du natürlich sein, und abschalten können musst du. Wenn du dir einen Kopf machst, was da unterwegs alles auf dich zukommen kann, brauchst du dich erst gar nicht aufs Rad zu setzen." Deshalb entbehrt der Wahlspruch des Lauterbachers "die Vernunft stirbt zuerst, die Hoffnung zuletzt" auch nicht einer gewissen Logik. Jahrelanges Training braucht diese Schinderei natürlich auch - körperlich und mental. Auch nachts zu fahren ist nicht jedermanns Sache. Deshalb gehört es für Horst Jung auch zum "Tagesgeschäft" ganze Nächte durchzustrampeln. Den Bliestal-Radweg rauf und runter und auch rüber nach Frankreich. Oder mal kurz auf der "Grundausdauerstrecke" an der Saar vorbei nach Mettlach und wieder zurück, durch die St. Ingberter Wälder oder den Warndt. Mal auf dem Mountainbike, mal auf dem Rennrad. Gerade so wie's kommt. "Denn von nix kommt nix", lacht der Elektrohauer im Vorruhestand und schwärmt regelrecht von dem Gefühl, das freigewordene Endorphine im Kopf anrichten können. "Wenn du das Gefühl hast abzuheben, wenn du nach Hause kommst und nicht mehr weißt, wo du lang gefahren bist. Wenn du einfach nur die Beine fliegen lässt und glaubst, die Welt aus den Angeln heben zu können, dann hat sich die Plackerei gelohnt." Die notwendige Wettkampfhärte holt sich Horst Jung bei 24-Stunden-Rennen. So verrückte Sachen gibt es auch. In Münster etwa, in Duisburg oder in Maxhütte. Dort wurde der Lauterbacher sogar Weltmeister in seiner Altersklasse. Auch bei solchen Rennen werden eben mal um die 600 Kilometer abgerissen. Pausen? "Gibt es nicht", lacht Horst Jung, "höchstens mal zum Pinkeln, gegessen und getrunken wird auf dem Rad." Weitere Langstrecken-Touren und besondere Herausforderungen werden "nach Lust und Laune" eingestreut. Auch die Teilnahmen an den Heim-Marathons in St. Ingbert und St. Wendel sind natürlich Pflicht. Die Qualifikation für den Amerika-Trip ist drei Jahre lang gültig. 2011 wird Horst Jung wohl an den Start gehen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Da muss ein Betreuer-Team zusammengestellt werden. Sicher wird auch viel Bürokratie zu erledigen sein. Besonders wichtig ist aber die Finanzierung des Abenteuers. Auf etwa 20 000 Euro veranschlagt Jung das Gesamtunternehmen und hofft, "dass sich auch noch der ein oder andere Sponsor dafür begeistern kann". Sportlich heißt es bis dahin trainieren, trainieren und nochmal trainieren. Und die Form bei weiteren extremen Renn-Einsätzen testen. Dafür kommt vom 3. bis 5. Juni 2010 der Glocknerman-Ultra-Marathon gerade recht. Der ist gerade mal schlappe 1015 Kilometer lang und hat insgesamt fast 16 000 Höhenmeter im Profil. Der Rekord liegt bei etwas mehr als 37 Stunden. Horst Jung will im Juni nächsten Jahres "nach 42 bis 44 Stunden im Ziel sein". Na dann, viel Spaß und gute Beine. "Wenn du dir einen Kopf machst, was da unterwegs alles auf dich zukommen kann, brauchst du dich erst gar nicht aufs Rad zu setzen." Horst Jung

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