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Serie: Museen im Saarland
Ein Haus voller zerbrechlicher Schönheiten

Glasspezialist Burkhardt Valentin vor einer Vitrine mit grünem Glas.
Glasspezialist Burkhardt Valentin vor einer Vitrine mit grünem Glas. FOTO: Iris Maria Maurer
Ludweiler. Im einzigen Glasmuseum des Saarlandes erfahren Besucher zum Beispiel, welche Weinglasfarben in den 1920er-Jahren beliebt waren. Von Nicole Baronsky-Ottmann

In Ludweiler, im alten Bürgermeisteramt, existiert das einzige Glasmuseum des Saarlandes. Eigentlich handelt es sich dabei um das Glas- und Heimatmuseum Warndt, dessen Träger der Heimatkundliche Verein Warndt e.V. ist, und das Glas ist nur eine Abteilung. Aber die 600 Glasexponate, zum Großteil aus drei verschiedenen Privatsammlungen, nehmen nicht nur den größten Teil des Hauses in Anspruch, sie werden auch professionell präsentiert. Auf zwei Etagen, in zwei verschieden aufgebauten Ausstellungsbereichen, können Interessierte jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr in die Geschichte der saarländischen Glashütten eintauchen.


Der Präsentation der Glasexponate merkt man an, dass sie lange Zeit professionell betreut wurde. Sie stammt aus dem Jahr 2007, nachdem man im Heimatkundlichen Verein Warndt e.V. bereits 2002 die Idee gehabt hatte, ein Glasmuseum für das Saarland zu eröffnen. „Bei der Vorbereitung und dem Gesamtkonzept der Präsentation wurden wir damals vom Historischen Museum Saar unterstützt“, erklärt Burkhardt Valentin, aktives Vereinsmitglied und einer der Museumsbetreuer. Er und seine Frau Maria Valentin sind leidenschaftliche Glassammler und mit genauso viel Herzblut bei der Sache, sonntags den Gästen die Glasausstellung näherzubringen.

Gerade ist eine kleine Gruppe zu Gast, die Besucher stammen aus Saarlouis, Konstanz, aber auch aus Merlebach jenseits der nahen Grenze. Ganz begeistert sind die Gäste von der Sammlung, deren Schwerpunkt das Gebrauchsglas der saarländischen Glashütten Fenne und Wadgassen ist. „Es gab in 300 Jahren über 50 Hütten im Saarland. Die meisten stellten Fensterglas und Flaschen her. Nur die Hütten in Fenne und Wadgassen fabrizierten auch Gebrauchsglas“, weiß Burkhardt Valentin zu berichten. „Die erste Hütte der Region arbeitete hier in Ludweiler ab dem Jahr 1616“, erklärt er die Affinität vieler Ludweiler für das Glas.  „Wir haben hier hauptsächlich Pressglas. Das war das Glas, das in Eisenformen gepresst wurde, das Gebrauchsglas ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es wurde so verkauft, wie es aus der Form kam, es war damals die billige Variante des Glases.“



Um diese Gläser nicht nur in Vitrinen zu stellen, präsentiert man in der ersten Etage das Glas in alltäglichen Situationen. In der Ausstellung „Glas auf den Tisch!“ werden Exponate aus der Zeit von 1880 bis 1960 in 13 verschlossenen Kojen, ähnlich wie kleine Schaufensterinstallationen, dargestellt. Der Besucher kann so die unterschiedlichen Glasmoden betrachten und sie dank der übrigen Ausstellungsobjekte und der detaillierten und liebevoll arrangierten Anordnung historisch einordnen. So wird in der Koje 3 ein Weintisch gezeigt mit ziselierten, zarten Weingläsern, die zu einem direkten Vergleich mit den derben Gläsern des Bierstammtischs daneben einladen. „Zu dem Weinspender gibt es eine kleine Anekdote“, erzählt Burkhardt Valentin schmunzelnd. „Der stammt aus einer Auktion, wo sehr teures Porzellan angeboten wurde. So kam es, dass wir das große Glück hatten, zwischen den Objekten für tausende Euro einen Weinspender für 25 Euro zu ersteigern.“

Die letzte Koje hat es Maria Valentin ganz besonders angetan. Denn dort werden in einem Vorratsraum „Klickerwasserflaschen“ ausgestellt. Diese Flaschen mit Kugelventilverschluss – so der Fachbegriff – waren insbesondere bei Kindern beliebt, nicht nur wegen des prickelnden Getränks, sondern auch wegen der Glaskugel, mit der man anschließend spielen konnte. Daher haben viele dieser Flaschen heute keinen unversehrten Hals.

Aber das Ehepaar Valentin kann nicht nur Geschichten zum Glas erzählen, es lässt die Besucher das Glas auch berühren. Burkhardt Valentin öffnet einen Schrank mit Obstschalen und Tortenplatten. Diese werden den Besuchern gern gereicht, damit sie die Vertiefungen im Glas ertasten können.

In der oberen Etage geht es mit einer klassischen Ausstellung in Vitrinen weiter, in denen das Glas nach Farben einsortiert ist. In diesem Raum mit seiner Dachschräge, seinen alten Balken und dem Holzboden wirken die feinziselierten Gläser besonders edel. Wer will, kann sich dort auch einen zwölfminütigen Film über die Glasherstellung anschauen. „Der Film wurde in Portieux, im südlichen Lothringen, in einer Glashütte gedreht und zeigt sowohl die Technik des Glasblasens als auch des Glaspressens“, erläutert der Museumsbetreuer. Der Film sei vom Regionalverband Saarbrücken für das Museum aufgenommen worden, doch die Hütte in Portieux sei mittlerweile leider auch geschlossen. Ebenso wie die Hütten in Fenne und Wadgassen, aus denen die meisten der zarten Objekte in den Vitrinen stammen. „Wenn man sich die Kerzenleuchter aus Wadgassen genau anschaut, dann erkennt man lauter kleine Glasperlen an den Ständern. Diese Perlen waren als Vertiefungen schon in der Pressform aus Eisen enthalten. Daran sieht man, wie präzise die Pressformen gearbeitet sein mussten“, berichtet er weiter. In den Vitrinen schimmern die Exponate und erlauben eine Reise durch die Moden der letzten 140 Jahre. „Zur Zeit des Art déco, in den 1920er- und 1930er-Jahren, waren für die Gebrauchsgläser die Farben Braun und Rosa beliebt, während Grün und Blau immer gut gingen“, sagt er und zeigt dabei auf die Art-déco-Glasserie „Narzisse“ aus Fenne, die zwar unterschiedliche Formen aufweist, aber immer das gleiche Grundmuster besitzt.

Eine weitere Spezialität aus Fenne, wo die Hütte 1939 geschlossen wurde, war das opalisierende Glas. „Das wurde nach dem Pressen noch mal feuerpoliert. Dort änderte sich die Farbe, das durchsichtige Glas wurde weiß schimmernd, es entstand ein weißer Anlaufrand.“

Da diese Technik in Deutschland nicht üblich war, könnte es sein, dass man für Fenne den opalisierten Unterteil in Frankreich angekauft und mit einen eigenen Oberteil kombiniert hatte. Über derart Fragen kann man sich im Glasmuseum Ludweiler gut und gerne austauschen. Denn das Glasmuseum zeigt nicht nur filigrane, zart schimmernde und prachtvolle Zeugen vergangener Zeiten, sondern arbeitet auch im Hier und Jetzt.

„Wir verstehen uns auch als Anlaufstelle für Glassammler. Wir geben gerne Auskünfte und sind an einem Austausch immer sehr interessiert“, betont Burkhardt Valentin.

Serie Museen im Saarland: Die SZ stellte in den vergangenen Monaten wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaldirektor Weltkulturerbe Völklinger Hütte und Präsident Saarländischer Museumsverband (6. Juni), Teil 2: Roland Mönig und Moderne Galerie (13. Juni), Teil 3: Ludwig-Galerie Saarlouis (20. Juni), Teil 4: St. Wendeler Museum im Mia-Münster-Haus (27. Juni), Teil 5: Uhrenmuseum Köllerbach (4. Juli), Teil 6: Historisches Museum Saarbrücken (11. Juli), Teil 7: Römermuseum Schwarzenacker (18. Juli), Teil 8: Saarland-Museum für Vor- und Frühgeschichte (25. Juli), Teil 9: Zeitungsmuseum Wadgassen (1. August), Teil 10: Altenkirch-Museum Rubenheim (8. August), Teil 11: Die Römische Villa Borg (15. August). Teil 12: Jean-Lurçat-Museum Eppelborn (22. August). Teil 13: Keramikmuseum Mettlach (29. August). Teil 14: Museum für Mode und Tracht Nohfelden (5. September). Teil 15: Theulegium Tholey (12. September), Teil 16: Glasmuseum Ludweiler (19. September), Teil 17: Städtisches Museum Saarlouis (26. September)

Die Ausstellung „Gebrauchsglas von 1880 bis 1939“ im Dachgeschoss des Glas- und Heimatmuseums Warndt.
Die Ausstellung „Gebrauchsglas von 1880 bis 1939“ im Dachgeschoss des Glas- und Heimatmuseums Warndt. FOTO: Iris Maria Maurer
Diese Etagere zählt zu den insgesamt 600 Glasexponaten im Museum. Sie stammen aus verschiedenen Privatsammlungen.
Diese Etagere zählt zu den insgesamt 600 Glasexponaten im Museum. Sie stammen aus verschiedenen Privatsammlungen. FOTO: Iris Maria Maurer
Besucher im Dachgeschoss. Hier ist das Glas nach Farben sortiert. „Grün und Blau gingen immer gut“, sagt Glasexperte Burkhardt Valentin.
Besucher im Dachgeschoss. Hier ist das Glas nach Farben sortiert. „Grün und Blau gingen immer gut“, sagt Glasexperte Burkhardt Valentin. FOTO: Iris Maria Maurer
Das Museum befindet sich im ehemaligen Bürgermeisteramt Ludweiler.
Das Museum befindet sich im ehemaligen Bürgermeisteramt Ludweiler. FOTO: Iris Maria Maurer