„Ich habe zwei Heimaten“

Noch mehr als Gebäude prägen Menschen das Gesicht der Stadt Völklingen. Zu ihnen zählt auch Julia Khablov (22), die vor 14 Jahren aus Kasachstan nach Völklingen kam. Und nun richtig Freude an ihrer Arbeit in einer Arztpraxis hat.

Man sieht ihr an, dass sie glücklich ist, und dazu hat sie auch allen Grund: Julia ist blühende 22 Jahre jung, sie ist gesund, sieht gut aus, und sie wird im Dezember die Ausbildung zu ihrem Traumberuf Arzthelferin abschließen.

Wir haben sie in ihrer Mittagspause in ein Völklinger Café eingeladen. Sie kommt herein, eine Jacke über dem Berufsdress, und kaum sitzt sie und hat an ihrem Kaffee genippt, will sie schon loslegen, wie interessant ihr Beruf ist und wie freundlich-familiär "ihre" Völklinger Arztpraxis. Wir müssen sie stoppen, denn wir haben ihren Familiennamen noch nicht korrekt notiert. Sie buchstabiert ihn: Khablov. Khablov? Klingt aber nicht sehr völklingerisch, merken wir kritisch an. Julia lacht. "Na ja", sagt sie, "aber in Astana ist der Name gar nicht so selten." In Astana? Der Hauptstadt von Kasachstan?

Julia holt tief Luft, um uns die Zusammenhänge zu erklären. "Meine Oma ist Deutsche, meine Eltern, mein Bruder und ich sind Kasachen, und wir alle sind vor 14 Jahren von Astana nach Völklingen gezogen, weil hier schon Verwandte von uns leben." Und wieso spricht sie perfekt Deutsch, ganz ohne russischen Akzent? Julia holt wieder tief Luft. Sie war acht, als sie hier ankam, berichtet sie, und sie wurde sofort eingeschult in der Völklinger Grundschule Bergstraße. "Deutsch ist leichter als Russisch, und meine Lehrer haben mir sehr geholfen, so dass ich recht schnell die Sprache erlernt habe. Spätestens nach der vierten Klasse gab es keinen Unterschied mehr zur Sprachbeherrschung meiner Mitschüler."

Nach der Fachoberschule empfahlen die Lehrer der lernfreudigen Schülerin die Ausbildung zur Bürokauffrau. Sie absolvierte ein Praktikum und stellte fest, dass ihre beruflichen Neigungen in eine andere Richtung gingen. "Ich wollte nicht nur am Schreibtisch sitzen, sondern Kontakt zu Menschen haben und Menschen helfen." Eine Freundin gab den richtigen Tipp: Medizinische Fachangestellte, kurz Arzthelferin. "Die Ausbildung hat mir vom ersten Tag an gut gefallen", sagt sie, "und zusätzlich hatte ich das Glück, meinen Beruf in einer Arztpraxis mit einem sehr guten Chef und einem sehr angenehmen Betriebsklima zu erlernen." Wegen guter Noten darf sie statt nach drei schon nach zweieinhalb Jahren die Ausbildung abschließen und ist nun bereits im Dezember 2015 fertige Arzthelferin.

"Eigentlich ist man ja nicht nur Arzt-, sondern auch Patientenhelferin", erläutert sie, "denn als Azubi darf ich zum Beispiel schon Labor und EKG machen und Infusionen anlegen. Es ist ein sehr gutes Gefühl, wenn man kranken Menschen helfen kann." Keine Angst vor Blut? "Nö."

Und wenn ein Patient scheinbar keine Venen hat zur Blutentnahme? "Er hat", sagt sie lachend, "und man darf sie nicht nur mit den Augen suchen, sondern auch mit den Fingerspitzen." Dürfen wir das Geheimnis erfahren?

"Man spreizt die Haut mit Daumen und Zeigefinger und tastet mit dem anderen Zeigefinger über die glatte Stelle, da findet man schon was." Ihr Bruder studiert Informatik an der HTW, und Julia will Pflege studieren, sieben Semester bis zum Bachelor, und dann in einem Krankenhaus oder Pflegeheim arbeiten.

Und außerhalb der Arztpraxis - da hat eine Julia doch meistens auch einen Romeo, oder? "Nein, ich noch nicht", winkt sie lächelnd ab, "ich habe noch viel Zeit." Sie wohnt zwar im zweiten Stockwerk, aber noch hat kein Romeo ein Leiterchen angelegt.

"Ich reise gerne, auch mit Freundinnen, auch immer mal wieder nach Kasachstan, lese gerne, am liebsten Horrorgeschichten, und koche oft mein Leibgericht, nämlich Bischparmack. Das sind Bandnudeln, Pferdehack und Zwiebeln - lecker!" Zu Hause spricht sie meistens Russisch, "damit ich die Sprache nicht verlerne".

Kasachstan, Deutschland - wo ist nun die Heimat von Julia Khablov? "Da müssen wir den Plural des Wortes Heimat erfinden", sagt sie, "ich habe zwei Heimaten." Das ist der Zeitpunkt, an dem wir unseren russischen Wortschatz (ein Wort) einbringen können. "Nastrovje!", sagen wir. Julia hebt lachend ihre Kaffeetasse und sagt: "Prost!"