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So kann’s gehen
Hurra, wir dürfen wieder weinen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die „Nacht von Belgrad“ hat unseren Autor zutiefst traumatisiert. Bittere Tränen musste er an diesem Abend vergießen. Zu solchen Emotionen sind Männer vor allem bei EM und WM fähig. Aber dann hemmungslos. Von Jörg Wingertszahn

Endlich. In vier Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Es wird wieder eine Zeit der großen Gefühle. Und ja, auch Männer dürfen während der WM ihren Gefühlen freien Lauf lassen und bitterlich bis hemmungslos weinen. Normalerweise tun Männer das nicht, Frauen schon. Gefühlsausbrüche sind für sie okay, Jungs wird das irgendwann abtrainiert. Sie wissen schon, ein Indianer kennt keinen Schmerz und so. Aber jetzt ist WM und öffentliches Männerweinen sozial vertretbar. Die Männertränen-Saison ist eröffnet. Manch einer verliert während der WM so viele Tränenflüssigkeit wie sonst in einem Jahr nicht, wie der Psychologe Professor Alfred Gebert erläutert. Das Klischee, dass Frauen häufiger weinen, ist übrigens gar kein Klischee, sondern die Wahrheit. Während Männer im Schnitt 17 Mal pro Jahr weinen, schluchzen Frauen im Schnitt 64 Mal. Jede EM und WM ist für mich persönlich eine Begegnung mit einem frühen Trauma, und ich hoffe inständig, es nicht wieder erleben zu müssen. Es war 1976 im EM-Finale Deutschland gegen die Tschechoslowakei. Die Nacht von Belgrad. Uli Hoeneß ballerte seinen Elfer in den Nachthimmel über Belgrad, und Deutschland verlor. Es war einfach nur zum Heulen. Seitdem kann ich Uli Hoeneß nicht leiden.