Hubert Kesternich ist von Jugend an Gewerkschafter und Hüttenkenner

Serie Menschen im Regionalverband : Der Hütten-Kenner aus Völklingen

Hubert Kesternich widmete sein Berufsleben der Montanindustrie. Jetzt bleibt er ihr auch im Ruhestand verbunden.

„Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer hat sie errichtet?“, fragte Bertolt Brecht. Der Völklinger Hubert Kesternich stellt Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ in den Mittelpunkt seiner historisch-wissenschaftlichen Veröffentlichungen. 

Kesternich (75), als Gewerkschafter schon seit seinem 13. Lebensjahr aktiv, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung der Montanindustrie im Land, in der Europäischen Union, ja weltweit. Zwei umfangreiche Bände „Aufstieg und Wandel ... 140 Jahre Völklinger Hütte“ hat Kesternich bislang veröffentlicht, ein dritter Band ist in Arbeit.

Wie Brecht richtet Kesternich dabei seinen Blick auf „die Menschen, die die Arbeit generieren. Sie stehen bei mir im Mittelpunkt.“ Der Blattlaus-Verlag als Herausgeber schreibt dazu: „Kesternich entreißt auch viele Menschen der Vergangenheit, die ihre Bestimmung darian sahen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien zu verbessern.“

Bei seinen Lesungen (siehe Infokasten) finde gerade diese Auseinandersetzung mit den Menschen am Hochofen, in Stranggussanlagen, Gießerei, Schmiede oder Walzwerk großes Interesse, betont der Autor.  „Die Leute fallen vom Hocker, wenn ich ihnen erzähle, dass die Arbeiter zeitweise mit Lappen an den Füßen  statt mit ordentlichen Arbeitsschuhen ausgestattet waren. Und Helme kamen erst viel viel später.“

Neben der Beschäftigung mit der Eisen- und Stahlindustrie hat Kesternich als Autor beziehungsweise Co-Autor über Themen wie „Tod im Schacht“, „Fanal zu Beginn der Preußenzeit“, „Die Geschichte der Bergarbeitergewerkschaft“ oder über „Kohle, Stahl und Klassenkampf“ geschrieben, um nur einige Beispiele zu nennen.

Heute, in seinem  76. Lebensjahr, zeigt sich Kesternich als belesener, auskunftsfreudiger und nach wie vor kämpferischer Fürsprecher des kleinen Mannes und der dahinter stehenden Familien.

Wenn Tim Hartmann, der heutige Saarstahl-Vorsitzende, einen massiven Stellenanbau ankündige (die Saarbrücker Zeitung berichtete), „...dann ist das schon heftig“.

Anders als während der Stahlkrise, die 1993 schließlich zum Konkurs führte, sei die Montanindustrie heute nicht nur im Saarland sowohl durch eine Struktur- als auch durch die allgemeine Konjunkturkrise in schwieriges Fahrwasser geraten, sagt Kesternich.

Er kümmert sich selbst im Ruhestand immer noch um die Belange seiner IG Metall, sei es im Seniorenarbeitskreis oder als Delegierter und nutzt darüber hinaus alle journalistischen Mittel zur Information. „Strukturkrise deshalb, weil wir im Eisen- und Stahlbereich in Deutschland jährlich rund 45 Millionen Tonnen Überkapazität haben und darüber hinaus noch einmal 46 Millionen Tonnen aus Drittländern importieren“, sagt Kesternich.

Und die Konjunkturkrise stehe in einem direkten Zusammenhang mit der Auto-Absatzkrise sowie der Klimadebatte (Stichwort: Preis auf CO2). Wie die saarländische Industrie ihre Schwierigkeiten überwindet – sei es bei den Hütten, in der Autoindustrie oder den Gusswerken – sei letztlich eine Frage der Kräfteverhältnisse, sagt Kesternich und ergänzt: „Das wird ein harter Kampf.“  Er weist darauf hin, dass die saarländischen Arbeitnehmer im Vergleich zu anderen Bundesländern ziemlich stark gewerkschaftlich organisiert seien. 

Dass sich darüber hinaus auch Ministerpräsident Tobias Hans vehement für die Interessen der saarländischen Stahlarbeiter und ihrer Familien einsetze, wertet der Hütten-Autor Kesternich als gutes Zeichen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung